Predigt am Hoher Donnerstag

24. März 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Wir gehen auf den Karfreitag zu, auf den gewaltsamen Tod Jesu am Kreuz, und wir sind dabei wohl alle unter dem Einfluss der Bilder und Nachrichten der letzten Tage aus Brüssel: Menschen wenden Gewalt an, Menschen töten sinnlos andere Menschen in einem barbarischen Akt des Terrors! Es bleibt ein Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit: Was können wir da tun? Wie kann es so weit kommen? Der Karfreitag nimmt uns nicht das Fragen und gibt keine billige Antwort, ist er ja selbst ein Produkt der menschlichen Gewaltbereitschaft. Das Kreuz zeigt aber eines mit Bestimmtheit: Jesus Christus hat es vorgezogen am Kreuz zu sterben, als im Namen Gottes Gewalt anzuwenden und sich so zur Wehr zu setzen. Das hätte er nämlich tun können. Viele glaubten an ihn und empfingen ihn in Jerusalem wie einen Star: Hosanna! So feierten wir am Palmsonntag. Er hat Wunder gewirkt! Er wird uns befreien, von den Römern, er wird ein neues Königtum errichten!

Wir können an der Figur des Judas Iskariot ablesen, was dann passierte: Enttäuschung! Jesus ruft zu keinem Aufruf auf, viel schlimmer, er kündet seinen Tod an – und er lässt ihn zu! Judas war Jesus so nahe und er hatte ihn nicht verstanden. Seine Liebe schlug um in Abscheu, vermutlich in Abscheu vor sich selbst: Hat er sich nicht getäuscht? Sein Leben auf den Kopf gestellt für einen Verlierer? Judas wird radikalisiert, er gibt sein Leben der Vernichtung, dem Terror hin: Dieser Jesus kann nicht von Gott sein, denn sonst würde er uns befreien!, sagt er sich. Und so führt er aus seinem Gottesglauben heraus Jesus zum Kreuz: Zeichen des Terrors, der leider noch heute im Namen von Religion geschieht.

Und was macht Jesus? Er weiss: Alles, was er noch zu sagen hat, muss er jetzt zeigen. Er hält ein Mahl: Tut das nach meinem Tod zu meinem Gedächtnis. Und was tun wir dabei? Wir feiern, was er uns vorgelebt hat: Er gab sich hin, alles, auch sein Leben, um die Haltung seines Vaters, die Haltung Gottes zu offenbaren. Und darum nimmt Christus Brot und Wein und legt all das hinein: seine Hingabe, seinen Tod, seine Auferstehung. Und er sagt: Das bin ich, das ist mein Fleisch und mein Blut, also alles. Immer, wenn ihr dieses Mahl feiert, bin ich mitten unter Euch. Und solange ihr das tut, solange bin ich unter euch – bis ihr diese Zeichen nicht mehr braucht, bis zum endgültigen Wiedersehen. Darum werde wir nachher alle miteinander sagen können: Deinen Tod verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit! Und Ostern ist das grosse "Ja" Gottes zu dieser Haltung, die eine Haltung der Liebe und der Hingabe, der Solidarität ist. Zwar führten menschlicher Hass und Gewalt zum Karfreitag, aber Ostern kehrt diese Botschaft um: Gewalt darf nicht das letzte Wort haben. Sinnloses Töten ist zu verurteilen! Ostern ist das Ja Gottes hinter dem Nein von uns Menschen, Ostern ist das Leben, das stärker ist als Tod und Sünde, Ostern ist die Aufforderung, für Leben und Liebe einzustehen!

Der Evangelist Johannes macht das auf seine Art deutlich: Statt sich bedauern zu lassen, statt die Eucharistie zu erklären, wäscht Christus seinen Jüngern die Füsse: «Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.» Wer Eucharistie feiert, möchte in diese Haltung der Fusswaschung hineinkommen: dienen, geben, lieben! Der hl. Kirchenlehrer Ambrosius von Mailand und noch der hl. Bernhard von Clairvaux, ein mittelalterlicher Mönchsvater und Mystiker, sahen in der Fusswaschung ein Sakrament: Gott verzeiht dem Menschen und wäscht ihn rein, Gott und Mensch begegnen sich in unserer miseria, in unserer Misere. Dafür hat Gott ein Herz – lateinisch cor – was zum Wort misericordia führt, auf Deutsch: Barmherzigkeit. Papst Franziskus hat die Barmherzigkeit zum zentralen Begriff dieses Heiligen Jahres gemacht. Darum werde ich jetzt Mitbrüdern aus dem Kloster Einsiedeln und Mitschwestern aus dem Kloster Fahr die Füsse waschen. Barmherzigkeit darf nicht ein grosses Wort für andere sein, wir müssen in unserem Alltag zeigen, dass Gott ein Herz für uns, für unsere Misere hat. Während der Fusswaschung dürfen Sie sich alle überlegen: Wo in meinem Alltag kann ich konkret in einem Zeichen zeigen, dass Gottes Barmherzigkeit zum Menschen kommt, wo in meinem Alltag kann ich in der Haltung Christi anderen dienen?


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