Predigt an Neujahr 2016

1. Januar 2016, Klosterkirche Einsiedeln, P. Philipp Steiner

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben." – So fasste Hermann Hesse in einem seiner wohl bekanntesten Gedichte zusammen, was wir heute Morgen wohl alle erahnen.

Liebe Brüder und Schwestern, das neue Jahr ist erst wenige Stunden alt und noch hat es die Aura des Neuen, des Unbekannten. Etwas Zauberhaftes liegt im Beginn eines jeden neuen Jahres.

Aber wir, die wir hier zu diesem Gottesdienst zusammengekommen sind, verbinden mit dem heutigen Tag nicht nur den Zauber. Es ist die tiefe Sehnsucht nach Gottes Segen für die Zeit, die vor uns liegt. Die kommenden Monate, Wochen, Tage und Stunden wollen gestaltet, gelebt, manchmal sogar ertragen oder gar erlitten werden. Wir ahnen, dass die kommende Zeit nicht nur Sonnentage und heitere Stunden für uns bereithalten, sondern uns in unterschiedlichem Masse auch herausfordern wird. Damit wir daran nicht zerbrechen, sondern reifen, brauchen wir Gottes Segen. Deshalb sind wir hier und genau deshalb wurden uns in der ersten Lesung auch die uralten Segensworte aus dem Buch Numeri zugesprochen:

"Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil."

Damit kommt die Liturgie der Kirche dem menschlichen Bedürfnis nach geistlichem Beistand an diesem ersten Kalendertag entgegen.

Doch der Kirche geht es um mehr als um ein blosses Segensritual an der Schwelle zu einem neuen Jahr: Deshalb stellt sie diesen Tag in einen heilsgeschichtlichen Kontext: Sie feiert heute den achten Tag von Weihnachten und weiht ihn in besonderer Weise der Gottesmutter Maria.

Nachdem wir an Weihnachten das Kind in der Krippe betrachtet haben, schauen wir heute auf seine Mutter. Wir feiern Maria als die Mutter Jesu, als die Muttergottes. Dies hat seinen tieferen Sinn, denn damit wird eine Brücke geschlagen zwischen Theologie und Kalender: Beiden geht es ja um den Beginn von etwas Neuem. Gott hat uns durch die Geburt Jesu einen neuen, einen heiligen Anfang geschenkt. Wie jedem Neubeginn, so wohnt auch diesem ein Zauber inne, aber noch weit mehr als das: nämlich Gnade und Segen in Fülle.

Damit reicht der Neubeginn von Weihnachten tiefer als jedes neue Jahr. In Maria wurde das ewige Wort Fleisch und durch ihr Ja hat sie Anteil an diesem göttlichen Neuanfang.

Wenn wir heute Maria und ihre Mutterschaft besonders in den Blick nehmen, dann vertiefen wir uns also zugleich in das Weihnachtsgeheimnis: Gott wollte Mensch werden in Jesus Christus und er hat dies in vollkommener Weise getan, mit allen Konsequenzen. Gott ist ganz Mensch geworden – er ist wahrer Gott und wahrer Mensch, wie uns die Theologie sagt. Das heisst aber auch ganz konkret, dass er wie jedes Kind der Fürsorge einer Mutter bedurfte. Christus und seine Mutter lassen sich nicht voneinander trennen. Das zeigt uns der heutige Festtag in aller Deutlichkeit, wenn es als das älteste Marienfest der Kirche in unmittelbare Nähe zum Geburtsfest Christi gerückt wurde.

Das heutige Fest blickt auf eine lange und recht komplexe Geschichte zurück: Die Bezeichnung Marias als Gottesgebärerin – bei uns oft einfach "Gottesmutter" genannt – geht auf das Konzil von Ephesus im Jahr 431 zurück. Noch vor dem 7. Jahrhundert feierte man in Rom am 1. Januar ein Marienfest, das aber im Mittelalter an Bedeutung verlor. Schliesslich wurde es durch das Fest der Beschneidung des Herrn ersetzt. Bis zur Kalenderreform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gedachte man am 1. Januar diesem Ereignis aus dem Leben Jesu. Papst Pius XI. führte 1931 wiederum einen Festtag der Gottesmutter Maria ein, als Erinnerung an die Tausendfünfhundertjahrfeier des Konzils von Ephesus. Er legte es aber auf den 11. Oktober. Erst im Jahr 1969 wurde dieses Fest auf den 1. Januar verlegt und der erste Tag des Jahres ist seither wieder ein Marienfest.

Damit sind wir wieder bei der ursprünglichen Intention des Festes angelangt. Es sagt uns: Wir können Maria nicht ohne ihren Sohn feiern. Und ohne Maria können wir Jesus nicht wirklich verstehen. Weihnachten und die Muttergottes gehören zusammen.

Wenn wir bei uns in Einsiedeln die Jungfrau Maria im Laufe dieses Jahres in 10 weiteren Hochfesten, Festen und Gedenktagen ehren, dann haben all diese Feierlichkeiten ihren Ursprung und ihre Daseinsberechtigung in diesem Geheimnis, das wir heute feiern: der Mutterschaft Mariens.

Liebe Brüder und Schwestern, wenn uns die Kirche an diesem ersten Tag des neuen Jahres die Muttergottes zur Seite stellt, dann will sie damit noch ein wenig mehr als nur ein theologisches Statement abgeben. Im Evangelium heisst es von Maria, dass sie alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Die Gottesmutter lehrt uns, das neue Jahr in einer Haltung der Offenheit zu beginnen und im Jahreslauf immer wieder innezuhalten, um darin Gottes Spuren zu entdecken.

Gott will auch in diesem eben begonnen Jahr die Geschichte mit jedem von uns fortschreiben und diese unsere Lebensgeschichte in eine Heilsgeschichte umwandeln. Dabei dürfen wir gewiss sein, dass wir aus der Kraft eines zauberhaften Anfangs leben dürfen, der unser ganzes Leben in das Licht der Gnade taucht.

Empfehlen wir also das neue Jahr der Fürbitte der Gottesmutter Maria und stellen wir uns ganz bewusst unter den Segen Gottes. Das Vorbild der Gottesmutter und ihr mütterlicher Schutz mögen uns auch im neuen Jahr begleiten, so dass wir mit Freude und Zuversicht den Pilgerweg des Glaubens gehen!

Amen.


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