Predigt in der Heiligen Nacht

24. Dezember 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Mauritius Honegger

Kennen Sie den neuen Titan der Philanthropie? Vielleicht haben Sie es gelesen: Mark Zuckerberg, der Erfinder von Facebook, hat sage und schreibe 45 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke gespendet. Mit dieser immensen Summe bricht der junge IT-Unternehmer alle Rekorde, sodass ihn amerikanische Printmedien wohl zu Recht "Titan der Philanthropie" und "Gigant der Wohltätigkeit" nennen.

In dieser ganzen Geschichte ist mir besonders ein Wort ins Auge gesprungen, von dem ich glaube, dass es auch für das heutige Weihnachtsfest ein passendes Motto ist. Seine Wurzeln liegen allerdings viel weiter zurück. Ich meine das Wort "Philanthropie", das übersetzt "Menschenfreundlichkeit" oder "Menschenliebe" bedeutet.

Schon der Perserkönig Kyrus, der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte, wird als Philanthrop beschrieben. Und dies nicht nur deshalb, weil er seinen Freunden ein äusserst zuvorkommender Gastgeber gewesen sein soll, sondern auch weil er gegenüber den vielen Feinden, die er im Krieg besiegt hat, stets Milde walten liess.

Natürlich wollten später die Kaiser von Rom in dieser Hinsicht nicht zurückstehen. Philanthropie war Teil ihrer Politik. Zur Unterhaltung der Untertanen organisierten sie spektakuläre Gladiatorenkämpfe im Kolosseum und liessen grosszügig Esswaren an die Bevölkerung verteilen. Auf diese Weise inszenierten sich die Cäsaren als Garanten des Wohlstandes für das Imperium Romanum und sicherten sich so die Loyalität des Volkes.

Wir sehen also: Philanthropie war ursprünglich eine Tugend der Kaiser und Könige. Wer als ein guter Herrscher gelten wollte, musste sich durch Menschenfreundlichkeit auszeichnen und sich mit Wohltaten beliebt machen.

Ohne Zweifel hat diese Wohltätigkeit den Reichsbewohnern viele Vorteile gebracht. Aber die Wohltätigkeit der Mächtigen hat auch einen Haken: Sie beruht nämlich auf einem Gefälle zwischen den Menschen. Menschenfreundlichkeit besteht hier darin, dass der Höhergestellte dem Untergebenen sozusagen "herablassend" eine Gunst erweist.

Philanthropie steht hier im Dienst einer Machtpolitik. Armenspeisungen und pompöse Spektakel zielen letztlich darauf ab, die Machtstrukturen im Reich zu festigen. Niemals wird der Kaiser so viel von seinem Vermögen ausgeben, dass er selber arm wird. Mehr als am Wohl der Untertanen liegt dem Kaiser an der Sicherung seiner Stellung. Unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit verbirgt sich im Grunde nicht die Philanthropie, die Liebe zum Menschen, sondern ein rücksichtsloses Streben nach Macht, die egoistische Verfolgung eigener Interessen.

Echte Menschenliebe lernen wir nicht von den Mächtigen dieser Welt. Echte Menschenliebe können wir nur von Gott lernen, und zwar ausgerechnet heute am Weihnachtsfest. Nicht zufällig legt uns die Liturgie der Kirche heute die Lesung aus dem Titusbrief vor, wo es heisst: "Die Güte und Menschenliebe Gottes ist erschienen". Ja, heute ist sie erschienen, die Menschenliebe Gottes. Weihnachten will uns zeigen, was echte Menschenliebe bedeutet. Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er bei ihnen sein wollte, dass er mit ihnen alles teilen wollte. Darum ist er, der Schöpfer, selber ein Teil seiner Schöpfung geworden.

Die Menschenliebe Gottes ist deshalb ganz anders als die Wohltätigkeit von Kaisern und Königen. Gott geht es nicht um die Absicherung seiner Macht. Als allmächtiges Wesen braucht er so etwas überhaupt nicht. Sondern Gott zeigt seine Menschenliebe darin, dass er das Gefälle zwischen sich selber und seinen Geschöpfen – ein Gefälle, das unendlich viel grösser ist als jedes innerweltiche Gefälle, selbst wenn es zwischen dem mächtigsten Kaiser und seinem geringsten Untertan wäre – Die Menschenliebe Gottes zeigt sich gerade darin, dass er dieses unüberwindbar scheinende Gefälle aufhebt, sich in allem, auch im Leiden und Tod, mit uns Menschen solidarisiert, uns auf gleicher Augenhöhe begegnen will.

Liebe Mitchristen, Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes. Aber die Menschwerdung Gottes ist erst das Resultat von dem, was tief im Wesen Gottes verankert ist: die Liebe zu uns Menschen. Amen.


Gedruckt am 17.12.2017 / www.kloster-einsiedeln.ch, © 2017 kloster-einsiedeln.ch