Predigt zur Einweihung der Pforte der Barmherzigkeit

13. Dezember 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

«Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit» – Dieses Lied, das wir, liebe Brüder und Schwestern, zu Beginn dieses Gottesdienstes miteinander gesungen haben, weckt in mir Kindheitserinnerungen. An den vier Adventssonntagen sassen wir jeweils als Familie um den Adventskranz, zündeten eine, zwei, drei oder vier Kerzen an und dann ertönte das «Macht hoch die Tür». Ich hatte im Grunde keine Ahnung, von welcher Tür hier die Rede ist. Ich kannte ja auch nicht Psalm 24, an den sich das Lied anlehnt und in dem es heisst: «Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten; denn es kommt der König der Herrlichkeit.» Natürlich wusste ich auch nicht, dass es hier um die Tore des Tempels in Jerusalem geht, die geöffnet wurden, um die Bundeslade, und damit Gott selbst einzulassen. Das alles wusste ich nicht und es hätte mich auch nicht interessiert, denn ich war damit beschäftigt, auf der Blockflöte die zweite Melodie zum Lied «Macht hoch die Tür» zu spielen – in schönsten Terzparallelen. Und dennoch hat sich bei mir über die Melodie auch das Bild eingeprägt: Advent ist für mich, wenn Türen und Tore weit aufgemacht werden und Christus einzieht. Advent ist für mich seit dieser Zeit gefühlsmässig, wie Johannes der Täufer im Evangelium seine Überzeugung ausspricht: «Es kommt einer, der stärker ist als ich.»

Heute, Jahrzehnte später, da wir die Pforte der Barmherzigkeit eingeweiht und geöffnet haben, fallen mir im Lied «Macht hoch die Tür» zwei Dinge neu auf. Wir singen darin: «Sein Zepter (also seine Macht) ist Barmherzigkeit» und «ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt». Ist nicht das unsere tiefste Sehnsucht, wenn wir uns innerlich und äusserlich aufmachen, die Pforte der Barmherzigkeit zu durchschreiten, dass Gottes Barmherzigkeit Macht über unser Inneres, über unsere Kirche und über unsere Gesellschaft gewinnt? Müsste dieses Durchschreiten der hl. Pforte nicht Heil und Leben über uns bringen? Es ist das eine, durch diese Pforte zu gehen. Wer es bewusst und gläubig tut, verbindet sich mit Jesus Christus, der für uns das Tor zum Leben, zum barmherzigen Vater ist. Es ist aber noch etwas anderes, selber für andere zu einem Tor der Barmherzigkeit zu werden. Andere können mit einer solchen Pforte vielleicht nichts anfangen, sie können mit dem Glauben und mit der Kirche nichts anfangen. Aber sie fragen Dich, wie die Jünger im Evangelium Johannes den Täufer befragen: «Was sollen wir also tun?» Wenn Du selbst Pforte der Barmherzigkeit bist, die sich für alle Menschen öffnet (Christus möchte ja Heiland aller Welt zugleich sein, wie wir sangen), dann kannst Du mit den Worten des heutigen Evangeliums antworten: Gib, wo Not herrscht – mache Geschäfte zum Wohl aller Menschen und sei kein Abzocker – sei zufrieden mit dem, was Du hast, und überschütte andere nicht mit Deiner Unzufriedenheit, indem Du sie erpresst oder gar misshandelst. Diese Antworten sind weit weg von einer weltfremden Frömmigkeit! Sie bringen die barmherzige Liebe Gottes ganz konkret in diese Welt!

Meine Lieben, selbst eine Tür zur Barmherzigkeit Gottes zu sein, ist der Auftrag unserer Hl. Pforte. Wer dies sein möchte, muss ein versöhntes Herz haben, dieses also der Barmherzigkeit Gottes hinhalten. Darum lade ich alle ein, in diesem Jahr die Pforte der Barmherzigkeit zu durchschreiten, Vergebung zu empfangen – auch wieder einmal ganz persönlich, in der Beichte –, unseren Glauben zu bekennen und im Gebet die Beziehung mit dem barmherzigen Gott zu stärken. Dann werden wir Heil und Leben empfangen – und andere durch uns!

Ein ganz wichtiges Tor zu Leben und Heil ist das Wort Gottes, mit dem wir uns darum immer wieder beschäftigen sollten. Es geht nicht nur darum, das Wort Gottes zu lesen; lesen können wir alle. Jemand muss sich das Wort Gottes zuerst zu eigen machen und es dann verkünden, sowie wir die Pforte der Barmherzigkeit durchschreiten, um selbst für andere ein Tor zur Barmherzigkeit zu werden. Das Wort muss also im Namen der Kirche verkündigt werden, damit die Menschen von der Barmherzigkeit Gottes überhaupt erfahren. Darum werde ich anschliessend an diese Predigt zwei Menschen in den Verkündigungsdienst der Kirche aufnehmen: Ich beauftrage sie auf Dauer für den Dienst als Lektoren. Es sind dies unser Frater Francisco und ein Freund unseres Kloster, Herr von Prondzynski. Beide haben schon mehrfach bewiesen, dass sie hier gut lesen können. Die beiden werden nun offiziell von der Kirche her zu Toren der Barmherzigkeit für andere bestimmt: Leben und Heil soll durch ihre Verkündigung des Worte Gottes während der Eucharistiefeier zu anderen fliessen.

Wir haben also doppelten Grund, die Worte des hl. Paulus aus der heutige Lesung zu wiederholen: «Gaudete – Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!» Denn in der hl. Pforte und im hl. Jahr haben wir weitere Hilfen, Gottes Heil und Leben zu empfangen. Und wir haben Menschen unter uns, die sich zur Verfügung stellen, dieses Heil zu verkünden und darum selbst zu Pforten der Barmherzigkeit werden. Da kann ich uns als Empfängerinnen und Empfänger dieser Barmherzigkeit nur zu zurufen: «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit». Amen.


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