Predigt an Maria Empfängnis

8. Dezember 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern

Wir sind für das Paradies geschaffen. Alles andere ist zu wenig. Wir sind für das Höchste bestimmt. Gott hat uns für seine Gemeinschaft erschaffen. Alles andere ist unter unserer Würde. Gott hat uns berufen sein Gegenüber zu sein. Er will mit uns – in der Sprache der Bibel – im Garten des Paradieses spazieren gehen, weil er uns liebt. Die Begegnung mit ihm auf Augenhöhe ist unser höchstes Glück. Alles andere entspricht nicht unserem Wesen.

Die Schlange gaukelt uns vor, dass wir werden wie der Höchste, wenn wir selber nach der Frucht greifen und unser Glück selber holen, für das wir bestimmt sind: zu erkennen wie Gott, zu unterscheiden, was gut und böse ist. Damit aber stossen wir uns selber aus der Einheit mit Gott hinaus, weil wir selbständig und unabhängig vom göttlichen Gegenüber sein wollen. Und nachdem wir die Frucht eigenhändig ergriffen haben, geht uns auf, dass wir nicht mehr frei dem göttlichen Partner begegnen können. Wir haben ihn aus unserem Beziehungsgeflecht ausgeschaltet. Deswegen verstecken wir uns, um ihm nicht unter die Augen treten zu müssen, die unsren Verrat widerspiegeln. Haben Sie auch schon einmal festgestellt, dass Sie demjenigen, mit dem Sie Streit oder einen bösen Wortwechsel hatten, ohne sich zu versöhnen, nicht mehr direkt in die Augen schauen konnten? Das ist genau die Reaktion des Adam und der Eva nach der eigenwilligen Unabhängigkeitstat. Ihr Unabhängigkeitswille und die Einheit mit ihrem göttlichen Schöpfer schliessen sich gegenseitig aus. Das Selbst-sein-wollen wie Gott passt nicht mit der Bestimmung zusammen, Gottes Gegenüber zu sein. Wir werden zum Konkurrenten Gottes.

"Wo bist du?", fragt Gott. Das ist der Rufe der Liebe. "Was hast du getan?", ist der Ruf des Schmerzes. Gott verliert sein ebenbürtiges Gegenüber, mit dem er Aug in Aug im Garten Eden wandeln will. Gott lässt das nicht zu. Er tobt im Innersten gegen die Schlange und verflucht sie. Aus der tiefsten Erregtheit seines Herzens ringt Gott um sein geliebtes Geschöpf und sinnt auf Erlösung. Er selbst erneuert die Würde seines Geschöpfes und seiner Schöpfung. Aus der freien Tat seiner Liebe ermöglicht er allen, wieder seinem Geist gleich zu sein.

"Du bist voll der Gnade! Der Herr ist mit dir. Der Heilige Geist wird dich überschatten." Diese Worte an Maria will Gott zu jedem von uns sprechen. Die Erregtheit seines liebenden Herzens, die wir Barmherzigkeit nennen könnten, drängt ihn, uns wieder als seine wahren Gegenüber anzusprechen und so die gottebenbildliche Würde zu bestätigen.

Barmherzigkeit ist somit keine gnädige Tat von oben herab, sondern der starke Wille, die Würde seines Gegenübers nicht nehmen zu lassen. Seine Barmherzigkeit lässt nicht zu, dass wir unter unserer Würde leben. "Wo bist du?" ist der Ruf des Schmerzes und der Wille, sich sein Gegenüber nicht nehmen zu lassen.

Im ersten Buch Samuel gibt es eine passende Geschichte, die vom neu gesalbten König Saul erzählt. Dieser entbrannte in heftigen Zorn, als seinen Landsleuten der Verlust ihrer Würde drohte. Nahasch an der Spitze der Ammoniter belagerte Jabesch-Gilead. Alle Be¬wohner von Jabesch liessen Nahasch sagen: "Schliess einen (Friedens-)Vertrag mit uns, dann wollen wir uns dir unter¬werfen. Der Ammoniter Nahasch erwiderte ihnen: Unter einer Bedingung will ich mit euch einen Vertrag schlies¬sen: Ich steche euch allen das rechte Auge aus. […] Als Saul das hörte, kam der Geist Gottes über ihn und sein Zorn entbrannte heftig" (1 Samuel 11,1-2.6). In seiner Wut sammelte er ein Heer, drang in der Zeit der Morgenwache in das Lager und schlug die Ammoniter in die Flucht. Mit Recht liess Saul nicht zu, dass seinen Leuten das rechte Auge ausgestochen und damit die Würde genommen wurde.

In kriegerischen Bildern erzählt das Buch Samuel, was Gott genauso nicht zulässt. Gott will nicht, dass seinen Geschöpfen das Auge ausgestochen wird und sie ihre Würde verlieren.

Es ist ein starker Akt der Barmherzigkeit, wenn Gott selbst in die Bresche springt, damit wir unsere gottebenbildliche Würde nicht verlieren. Barmherzigkeit ist kein mitleidiges Erbarmen, das sich dem Schwachen gnädig zuneigt. Barmherzigkeit ist der liebende Wille, die Würde des Gegenübers wieder herzustellen oder zu erneuern.

Die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit sind Ausdruck des Willens, meinem Nächsten kein Auge ausstechen und die Würde nehmen zu lassen. Wenn ich des Nächsten Würde mit Füssen treten lasse, lasse ich mir meine eigene Würde aberkennen. Als Christen und als Mitmenschen dürfen wir es nicht zulassen, dass Flüchtlingen – bildlich – Augen ausgestochen werden, weil sie etwa als Wirtschaftsflüchtlinge degradiert werden. Wenn wir für die Würde von Ungeborenen, Sterbenskranken und Menschen mit Behinderungen kämpfen, wenn wir uns einsetzen für die Bewahrung der Schöpfung, ist das ein Engagement unserer Verantwortung, unserer göttlichen Würde für die Würde aller.

Bevor wir aber auf die Würde anderer blicken, müssen wir auf unsere eigene Würde achten. Die Berufung zur Einheit mit Gott verleiht uns eine unglaubliche Grösse. Diese zeigt sich im Wahrnehmen unserer normalen täglichen Verant¬wortung, im Einsatz für das Wahre, Gute und Schöne. Wenn ich Gott um Frieden bitten will, muss ich genauso meine Friedensverantwortung wahrnehmen. Die Würde zeigt sich auch in der Anerkennung der eigenen Fehler und Schuld, ohne sich rechtfertigen zu wollen. Sie zeigt sich in der Vergebung und der Bereitschaft zur Versöhnung. Wenn ich um Entschuldigung bitte, anerkenne ich die Würde des anderen und bezeuge meine eigene. Das Sakrament der Versöhnung entspricht somit unserer Würde, ja ist für sie eine Notwendigkeit. Letztlich besteht meine Würde darin, dass ich Gott lobe und danke und ihm in Liebe antworte. Alles andere wäre zu wenig. Alles andere ist Unab¬hängig¬keits¬gebaren.

So ist nicht von ungefähr, dass das heilige Jahr gerade heute am Fest der unbefleckten Empfängnis Marias beginnt. In ihr zeigt Gott, zu welcher Würde er uns geschaffen hat. Seit Beginn unseres Daseins sind wir zur Einheit mit ihm berufen. In Maria erblicken wir unsere geschenkte Würde. Sie ist voll des Heiligen Geistes und der Herr ist mit ihr. Sie nimmt ihre Würde im horchenden und liebenden Ja wahr. In diesem Jahr der Barmherzigkeit ruft Gott jeden aus seinem Versteck heraus: "Wo bist du?" Und der Advent hilf uns bei der Antwort, in dem er uns zuruft: "Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe" (Lk 21,28).

Das Durchschreiten der heiligen Pforte macht mir meine Bedürftigkeit der Barmherzigkeit offenbar und gleichzeitig die Würde, die Gott mir und allen Menschen schenkt. Gott sucht mich als sein Gegenüber und ruft mich an: "Wo bist du?"


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