Predigt am Meinradssonntag 2015

11. Oktober 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Mauritius Honegger

Liebe Mitchristen

Das Ereignis, an das uns die heutige Feier erinnern will, ist die Übertragung der Reliquien des heiligen Meinrad. Es handelt sich um einen Gedenktag, der nur hier in Einsiedeln gefeiert wird, weil er für unser Kloster bedeutsam ist.
Worum geht es?

Nachdem der Eremit Meinrad am 21. Januar 861 in seinem Einsiedlerhäuschen ermordet worden war, holten die Mönche des Klosters Reichenau den Leichnam ihres Mitbruders Meinrad zurück in ihr Kloster und bestatteten ihn dort. Auf der Insel Reichenau im Bodensee war Meinrad als junger Mann ins Kloster eingetreten und auf der Reichenau sollte Meinrad nun auch sein Grab erhalten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, den Verstorbenen an dem Ort zu begraben, wo er als Eremit gelebt hatte. Denn damals, im neunten Jahrhundert, gab es hier nichts, kein Kloster, kein Dorf, keine Zivilisation, sondern nur einen unbewohnten Urwald, den "Finsteren Wald", wie man ihn nannte.

Und so ruhten die Gebeine Meinrads beinahe 200 Jahre lang in ihrem Grab auf der Insel Reichenau. Doch in der Zwischenzeit hatte sich im Finsteren Wald einiges verändert. An den Ort, wo Meinrad als Eremit gelebt hatte, kamen andere Männer, inspiriert von seinem Beispiel, und liessen sich hier nieder, zunächst als Eremiten und ab dem Jahr 934 als Klostergemeinschaft unter dem ersten Abt: Eberhard von Strassburg. Die Meinradszelle, wie das junge Kloster bald genannt wurde, entwickelte sich erfreulich gut und erreichte schon im zehnten Jahrhundert eine erste Blütezeit. Doch etwas fehlte noch: Was war die Meinradszelle ohne ihren Namenspatron? Was war ein Heiligtum ohne seine Reliquien?

Und so veranlasste man im Jahr 1039, dass die Gebeine des heiligen Meinrad aus ihrem Grab gehoben und nach Einsiedeln überführt wurden. Aus heutiger Sicht können wir uns gar nicht mehr vorstellen, welche Bedeutung so eine Reliquienübertragung damals hatte. Sie kam praktisch einer Heiligsprechung gleich. Es muss darum ein aufwendiger, wenn nicht sogar triumphaler Zug gewesen sein, der die Meinradsreliquien von der Insel Reichenau hierher nach Einsiedeln transportiert hat. Wir können uns vorstellen, wie die Kutsche mit den Reliquien, von Norden her kommend, den beschwerlichen letzten Anstieg zum Etzelpass hinaufgezogen wird. Dann durchquert sie die voralpine Hochebene, wo der Wald inzwischen schon teilweise gerodet ist, und schliesslich zieht sie unter feierlichem Glockengeläut und Jubelgesängen auf dem Klostervorplatz ein. Hier nehmen die Einsiedler Mönche das wertvolle Reliquiar in Empfang, eine kunstvoll verzierte Truhe, in der die Gebeine des heiligen Meinrad aufbewahrt sind. Ungefähr so wird es sich wohl abgespielt haben, damals am 6. Oktober 1039, also vor fast 1000 Jahren, als unser Kloster gerademal 100-jährig war.

Aber es ist nicht genug, sich nur an die Vergangenheit zu erinnern. Wir wollen uns auch fragen, was der heilige Meinrad uns heute zu sagen hat, welche Botschaft der erste Bewohner von Einsiedeln uns Menschen des 21. Jahrhundert auf den Weg geben will. Es gibt dabei aber ein Problem: Zwar sind die Gebeine des heiligen Meinrad bis heute erhalten – sein Schädel ruht ja hier im Hauptaltar und nur an besonderen Festtagen wie heute wird er von dort herausgenommen, das wird dann heute Nachmittag in der Vesper wieder geschehen.
Zwar sind also die Gebeine des heiligen Meinrad erhalten, aber es sind von ihm keine Schriften überliefert. Man kann also nicht einfach einen besonders prägnanten Satz aus einer Predigt oder seinem geistlichen Tagebuch zitieren, wie man das etwa beim heiligen Augustinus oder anderen Heiligen tun könnte.

Um die Botschaft des heiligen Meinrad für heute zu verstehen, müssen wir sein Leben in den Blick nehmen – oder wenigstens die wichtigsten Eckpunkte, die grossen Entscheidungen seines Lebens. Auch wenn die historischen Quellen über den heiligen Meinrad nicht sehr viel hergeben, drei Dinge wissen wir mit ziemlicher Sicherheit: Meinrad war Mönch, er war Priester und er war Eremit.

Diese drei Eckpunkte – Mönch, Priester und Eremit – sagen einiges über die Persönlichkeit des heiligen Meinrad aus.
Schon als junger Mann entschied er sich, Mönch zu werden und sein Leben nach der Regel des heiligen Benedikt auszurichten. Er zeigt damit, dass er schon als junger Mensch Gott einen Platz geben will in seinem Leben, und zwar nicht irgendeinen Nebenplatz in der zweiten Reihe, sondern den zentralen Platz in der Mitte seines Herzens. Mit dem benediktinischen Mönchtum hat Meinrad eine Form der Ganzhingabe gewählt, durch die er sein Leben ganz in den Dienst Gottes stellte.
Auch im 21. Jahrhundert ist das benediktinische Mönchtum ein bewährter und lohnenswerter Weg der Gottsuche. Gerade in diesem von Papst Franziskus ausgerufenen Jahr des geweihten Lebens darf wieder einmal darauf hingewiesen werden.

Meinrad weigerte sich auch nicht, Priester zu werden. Vielleicht war es die Bitte seines Abtes, die er als einen Ruf Gottes erkannte. Und so liess er sich bereitwillig von Gott und der Kirche in den Dienst nehmen. Er stellte seine Hände zur Verfügung, um den Menschen den Leib Christi zu reichen und ihnen wenn nötig die Krankensalbung zu spenden. Er stellte seine Ohren zur Verfügung, um den von Schuld Beladenen die Beichte abzunehmen. Er stellte seinen Mund zur Verfügung, um den Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden.
Auch im 21. Jahrhundert ergeht der Ruf Gottes an uns Menschen, unsere Fähigkeiten und Talente in den Dienst unserer Mitmenschen zu stellen. Verweigern wir uns nicht, wenn andere Menschen unsere Hilfe brauchen. Verschliessen wir uns nicht, wenn die Verantwortlichen in einer Pfarrei uns fragen, den Lektorendienst zu übernehmen, im Kirchenchor mitzusingen, als Kommunionhelferin Einsatz zu leisten oder im Gottesdienst zu ministrieren. Lassen wir uns in den Dienst nehmen, stellen wir unsere Fähigkeiten und Talente zur Verfügung für den Dienst an unseren Mitmenschen und zum Aufbau des Leibes Christi, der Kirche.

Meinrad entschied sich schliesslich, Eremit zu werden, ein Leben der radikalen Gottsuche in der Einsamkeit des Finsteren Waldes zu führen. Mit dieser Entscheidung für ein zurückgezogenes, ganz dem Gebet und dem Bibelstudium gewidmetes Leben gibt Meinrad noch einmal deutlich zu erkennen, was er in seinem Leben als wirklich wichtig erachtet: die Stille als ein privilegierter Ort der Gottesbegegnung. Stille war dem heiligen Meinrad so kostbar, dass er für sie alles zurückliess: Heimat, Familie, Besitz, später auch seine Klostergemeinschaft auf der Reichenau. In der Einsamkeit des Finsteren Waldes fand er die Stille, die er suchte. Hier war er allein mit Gott, andere Stimmen konnten ihn nicht stören. Meinrad ermutigt uns auch heute, immer wieder in Stille bei Gott zu verweilen. Gerade in einer Zeit der Informationsüberflutung, der permanenten Zerstreuung und Berieselung durch die Massenmedien, gewinnt ein Wort des Propheten Jesaja höchste Aktualität:
Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft. (Jes 30,15)

Die Stille als eine Quelle der Kraft für unser Leben – Bereits im Tagesgebet zu Beginn der Messe haben wir darum gebetet. Aber wir wollen diese Worte jetzt noch einmal wiederholen: Allmächtiger Gott, gib, dass auch wir in der Stille nachsinnen über dein Wort. Amen.
 


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