Predigt in der Osternacht 2015

4. April 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

«Wer könnte uns den Stein vom Eingang wegwälzen?» Das ist im heutigen Evangelium die grosse Sorge der drei Frauen, die Jesu Leichnam salben wollen. Und dann geht alles schnell: Der Stein ist weg, Jesu Leichnam auch, und der Bote des Lebens im leeren Grab sagt kurz und bündig, Christus sei auferstanden. Das mag ja, liebe Brüder und Schwestern, eine wunderschöne Kurzfassung von Ostern sein, nur ist das nicht der Stoff, aus dem Geschichten gemacht werden. Wie viel einfacher hat es da Weihnachten: Alle können sich ein Kind vorstellen, wie es da vor Maria und Josef liegt, die Hirten sind da, die Engel auch, eine Herberge muss gesucht werden, ein Stern geht auf – wer diese Geschichte erzählt oder spielt, darf wissen: das werden alle verstehen. Die Menschen im Mittelalter konnten sich nicht damit abfinden, dass Ostern keinen Stoff zu bieten hat wie Weihnachten. Da ist man halt mit viel Fantasie und Fleiss dahinter gegangen: Ganze Osterspiele wurden aufgeführt mit dem wenigen, was die Bibel dazu hergibt.

Im Osterspiel von Muri etwa aus dem 13. Jahrhundert fand die folgende Stelle aus dem heutigen Evangelium ein Interesse: «Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.» Aus diesem Satz wurde eine ganze Kaufszene gemacht, die drei Frauen gehen im Osterspiel also shoppen! – und für ihren Heiland ist ihnen nichts gut genug. «Lieber Verkäufer», sagt dabei Maria Magdalena, «hast du etwa leere Büchsen, dann gib uns Salböl hinein […] von einem Pfund Gewicht, reichlich und nicht weniger! Wir wollen sie dir gut bezahlen.» Der Krämer wittert das Geschäft und meint: «Die drei Büchsen, die sind gefüllt mit der frischen Salbe da. Wenn ihr sie kaufen wollt, so will ich, dass ihr mir dafür als Preis zwanzig Schillinge zahlt. Ich gebe es nicht billiger!» Im Spiel geht es ja eigentlich um Ostern, nicht um die Salben und auch nicht um das Shoppen, also sagt Maria leicht genervt: «Wir wollen deinen Preis nicht verkleinern: nimm die ganzen Pfennige und gib die Büchsen her! Wir müssen weiter!»

So naiv uns diese Geschichte vorkommen mag – dahinter steht die Freude am Erzählen und Spielen! Nur über das Erzählen gelangt die frohe Botschaft von Ostern zu den Herzen der Menschen. Würden Gläubige nicht seit mehr als 2000 Jahren erzählen, was sie mit dem auferstandenen Christus erfahren, wir wären heute nicht hier. Wir teilen dieselbe Freude, dieselbe Hoffnung, weil Menschen davon erzählen. Dort, wo wir schweigen, kann keine Botschaft weitergehen. Darum heisst es am Ende des Evangeliums: «Nun aber geht und sagt seinen Jüngern!» Geht und sagt, erzählt von Eurer Hoffnung, erzählt, warum es Freude gibt trotz all des Leids auf dieser Welt! Wie anders sollte die Welt von der Osterhoffnung etwas erfahren wenn nicht durch uns! Wir sind Zeuginnen und Zeugen der österlichen Hoffnung, wir bezeugen eine Vision vom Leben: Jesus lebt, er geht uns voraus zum Vater, wir haben ein Ziel, haben Sinn im Leben! Gehen wir also nicht griesgrämig aus dieser Feier, sondern bezeugen wir österliche Freude vor der Welt – Alleluja!


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