Predigt am Karfreitag 2015

3. April 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Eine volle Kirche, ein Chor, Solisten, feierliche Gewänder hier vorne – so viel Aufwand für das Gedächtnis einer Hinrichtung, alles wegen eines Menschen, der stirbt. Werden heute nicht jeden Tag viel zu viele Menschen hingerichtet? Bei Jesus wurde wenigstens noch gestritten! Haben heute nicht viel zu viele Menschen gar kein Recht, gehört zu werden? Keinen Prozess, bei dem jemand aufsteht, um die Opfer zu verteidigen? Und dann das Kreuz! Müssen wir deswegen wirklich in die Kirche kommen? Nicht nur das Kreuz Jesu stand dort draussen vor der Stadt Jerusalem. Ganze Reihen von Kreuzen benutzten sie, um Leute mundtot zu machen, um sie aus dem Weg zu schaffen! Und heute ist der Mensch nicht weniger grausam: Jene, die stören, werden geköpft, über Bord geworfen, vergast, mit Gift hingerichtet, auch heute wird gefoltert und geschlagen. Wenn wir die Nachrichten darüber schon nicht mehr hören können und sie an uns abgleiten, warum sollten wir uns solche Geschichten auch noch in der Kirche anhören, noch schlimmer: feiern? Warum tun wir uns den Karfreitag eigentlich an?

Wir feiern heute keinen Tod, wir verherrlichen keine Gewalt und wer von uns glücklich beim Gedanken ist, dass Jesus am Kreuz grausam leiden musste, hat da etwas nicht richtig verstanden. Liebe Brüder und Schwestern, stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Hier vorne singt wie vorhin der Chor die Leidensgeschichte und Hinrichtung Jesu nach dem Johannesevangelium und wir alle hören berührt zu, beglückt darüber, dass es das noch gibt: einen Chor, der eine ganze Woche lang mit seiner Kunst andere Menschen erfreut. Dann beginnt der Kantor P. Thomas mit den Worten: «Pilatus sagte zu den Juden», und P. Theo übernimmt: «Da ist euer König!» Stellen Sie sich vor, nun würde der Dirigent P. Lukas uns allen einen Einsatz geben! Wir – und nicht der Chor! – wir müssten nun schreien: «Weg mit ihm, kreuzige ihn!»
So geschehen ist das einem Freund unserer Gemeinschaft, der im Ausland am Palmsonntag ebenfalls an der Passionsgeschichte teilnahm. Er war verwirrt und schrieb mir: «Wir hatten nicht viel zu sagen, aber einen so blöden Text wie ‚kreuzige ihn‘. Man fühlt sich dabei schon irgendwie schuldig; das hat mich länger beschäftigt. Ich war versucht zu rufen: ‚nein‘!» Zuerst hat mich diese Nachricht geärgert. Wie kann ein Priester in einer Pfarrei die Gemeinde einbeziehen, ihr aber nur gerade den Satz geben: «Kreuzige ihn!» Wird da einfach der Schwarze Peter dem Kirchenvolk hingeschoben? Haben Schuldzuweisungen am Tod Christi nicht schon jahrhundertelang für noch mehr Gewalt gesorgt, etwa gegenüber den Juden? Auf der anderen Seite scheint dieser Einbezug des Volkes auch etwas bewegt zu haben: Plötzlich ist das kein Kunstgenuss mehr, plötzlich muss ich Stellung nehmen: Will ich das? Eine Kreuzigung? Bin ich nun eher ein Mitläufer, der artig mitschreit, um nicht aufzufallen, um die eigene Haut zu retten, oder hätte ich den Mut zu schreien: «Nein, das darf nicht geschehen!»?

Mir gefällt diese Reaktion, ‚nein‘ rufen zu wollen. Natürlich: Auch wenn Jesus Christus Gott war, wurde er Mensch. Er hätte sowieso sterben müssen wie alle Menschen – aber gerade so? Schon das Alte Testament kämpft gegen das falsche Gottesbild, Gott brauche den grausamen Tod! Im Buch Jesaja, in der 1. Lesung hörten wir dazu: «Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.» Doch es war eben nicht wegen Gott, dass es zur Kreuzigung kam. Jesaja sagt auch: «Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.» Das Kreuz, der Karfreitag: Sie meinen viel mehr uns, als uns lieb ist. Wegen der Menschen wurde Christus gekreuzigt! Wir sind so krank, dass wir an einem Tag rufen können: «Hosanna, schaut her: unser Star, schaut auf zu dieser Person!», und wenig später lassen wir diese Person fallen wie eine heisse Kartoffel, vielleicht nur, weil wir gehört oder gelesen haben, dass diese Person auch nicht besser ist als wir selbst. Palmsonntag – Karfreitag: das Drama unseres Lebens, unserer Verzweiflung: Das meint uns! Wir können den Weg auf Ostern hin nicht abkürzen. In allen von uns steckt Grossartiges, zweifellos! Doch in uns allen gibt es auch das Zerstörerische, den Hass, die Gleichgültigkeit. Offenbar braucht nicht Gott, sondern der Mensch Opfer, damit wir uns selbst stark fühlen können. Das Kreuz hat Gott nicht gewollt, sondern der Mensch!

Warum tun wir uns den Karfreitag eigentlich an? Meine Lieben, wir feiern ja gar nicht den Karfreitag, wir feiern die heiligen drei Tage von Hohem Donnerstag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Wir feiern, was Gott aus dem Kreuz macht, das der Mensch aufrichtet – auch heute noch, und dafür schreiten wir gemeinsam und persönlich diese drei Tage ab! Nachdem die Menge schrie: «Kreuzige ihn!», fragt Pilatus in der Matthäuspassion nach Johann Sebastian Bach: «Was hat er denn Übels getan?» Darauf singt die Sopran-Solistin: «Er hat uns allen wohlgetan» und dann wunderschön: «Aus Liebe, aus Liebe will mein Heiland sterben.» Gott verwandelt Böses in Gutes, Hass und Gleichgültigkeit in Liebe! Jesus hat seine Botschaft nicht verraten, allen wohl zu tun, hat keinen Aufstand angezettelt, nicht zur Waffe gegriffen, sondern Petrus sogar aufgefordert, das Schwert wegzustecken. Stärker ist, wer liebt, als wer hasst, stärker müssen wir sein im Ertragen als im Dreinschlagen. Gewalt braucht nicht mehr, als unsere Schleusen der Hemmungen zu öffnen. Liebe aber braucht ein tiefes Vertrauen, eine Hoffnung, dass hinter dem Kreuz ein Sinn liegt, der uns nicht immer zugänglich ist. Liebe Mitchristen: Warum tun wir uns den Karfreitag an? Weil wir ihn im Hinblick auf Ostern feiern! Weil Gott dort, wo der Mensch ein Kreuz errichtet, Er dennoch Hoffnung schenken kann. Das soll uns die Kraft geben, Menschen keine Kreuze im Leben aufzustellen, sondern ‚nein‘ zu rufen, wo Unrecht offensichtlich ist, andere aber schreien: «Kreuzige ihn!» Heute am Karfreitag bekennen wir auf Ostern hin: «Aus Liebe, aus Liebe will mein Heiland sterben.»


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