Predigt am Hoher Donnerstag 2015

2. April 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Mauritius Honegger

Liebe Brüder und Schwestern

Die zwei Lesungen aus dem Neuen Testament, die wir soeben gehört haben, könnten nicht besser zum heutigen Tag passen: Die Fusswaschung im Johannesevangelium und die Abendmahlsworte aus dem ersten Korintherbrief.

Der erste Korintherbrief, vom Apostel Paulus um das Jahr 52 in Ephesus verfasst, ist das älteste uns erhaltene Zeugnis für die Worte, mit denen die ersten Christen in Erinnerung an Jesus das Abendmahl gefeiert haben. Diese Worte sind uns wohlbekannt, weil sie in jeder Eucharistiefeier vom Priester gesprochen werden.

Wir nennen diesen Text den Einsetzungsbericht der Eucharistie. Und genau das ist es, was wir heute Abend feiern: die Einsetzung der Eucharistie als eine Erinnerungsfeier an das letzte Abendmahl, das Jesus vor seinem Tod mit seinen Jüngern in einem Haus in Jerusalem gehalten hat.

Aber die Eucharistie erschöpft sich nicht in der Erinnerung an ein historisches Ereignis. Durch alle Jahrhunderte hindurch kam der Eucharistie eine zentrale Stellung im Leben der Kirche zu.

Schon in der Antike pries der heilige Ignatius, Bischof von Antiochien, die Eucharistie als "pharmakon athanasias" – als Medikament, das Unsterblichkeit bewirkt.

Im Mittelalter fand die Verehrung der heiligen Eucharistie einen Höhepunkt in den kunstvollen Hymnen des Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Am bekanntesten ist sicher das "Tantum ergo", das wir bis heute jedes Jahr am Fronleichnamsfest und bei anderen Gelegenheiten singen.

Und vor 50 Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil erklärt, dass die Eucharistie "fons et culmen" ist, Quelle und Höhepunkt für das Leben der Kirche. Aus der Eucharistie schöpft die Kirche Kraft und auf die Eucharistie strebt sie hin, auf die Begegnung mit Gott im Sakrament der Einheit und der Liebe.

Diese drei Beispiele aus ganz unterschiedlichen Epochen müssen genügen um zu zeigen, dass die Eucharistie in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche immer eine zentrale Bedeutung hatte und zwar nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in sämtlichen orthodoxen Kirchen des Ostens.

Die Eucharistie gilt in der Tradition der Kirche als ein Sakrament. Was ist damit gemeint? Das lateinische Wort "sacramentum" ist eine Übersetzung des griechischen "mysterion". Das bedeutet eigentlich "Geheimnis". Ein Sakrament ist etwas, in dem Gott auf geheimnisvolle Art und Weise erfahrbar wird.

Zwischen dieser Welt hier, in der wir Menschen leben, und dem Himmel, wo Gott thront, zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gibt es eine Trennlinie, die wir Menschen aus eigener Kraft nicht überschreiten können. Doch die Sakramente sind Tore in dieser Grenzlinie, die Gott uns aufgetan hat. In den Sakramenten kommt er, der jenseitige, ferne und unnahbare Gott in unsere Welt hinein und wird für uns Menschen erfahrbar als heilsame, tröstende und lebensspendende Wirklichkeit.

Das eigentliche und grösste Sakrament ist Jesus Christus. In ihm sind Gottheit und Menschheit unzertrennlich verbunden. Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Wer ihn sieht, sieht den Vater.

Und Christus lebt weiter in seiner Kirche. In der Kirche wirkt sein Heiliger Geist. Die Kirche ist der privilegierte Ort der Begegnung zwischen Gott und Menschen, oder wie es wiederum das zweite Vatikanische Konzil sagt: "Die Kirche ist das Sakrament für die innigste Vereinigung mit Gott und für die Einheit der ganzen Menschheit".

In der Kirche ist Gott auf geheimnisvolle Art und Weise gegenwärtig. In ihr wird er für uns Menschen erfahrbar. Die Kirche ist selbst ein Sakrament und gleichzeitig auch die Wurzel, aus der sich wiederum die uns bekannten sieben Sakramente ableiten.

Gerade im Sakrament der Eucharistie wird Gott für uns Menschen auf geheimnisvolle Weise erfahrbar. Es ist nicht nur Brot, das wir empfangen, sondern es ist Gott selber, der in diesem Brot zu uns kommt. Unsere Augen sehen nur Brot und unser Gaumen schmeckt nur Brot, aber die Wirklichkeit geht über das hinaus, was unsere Sinne wahrnehmen.

Wenn Jesus sagt: Das ist mein Leib. Dann meint er damit: Das bin ich. Dieses Brot bin ich. Ich, Jesus, euer Herr, bin in diesem Brot gegenwärtig.

Und weil wir wissen, dass in Jesus Christus Gottheit und Menschheit vereint sind, bedeutet das: Auch durch das eucharistische Brot findet diese Vereinigung von Gott und Mensch statt. Durch den Empfang von Leib und Blut Christi werden auch wir in diese Vereinigung hineingezogen und erhalten Anteil am göttlichen Leben.

Auch jetzt, 2000 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, lebt sein Leib, lebt er selber hier auf Erden auf geheimnisvolle Art und Weise weiter. Die Kirche ist der Leib Christi und die Eucharistie ist der Leib Christi. Wir empfangen den Leib Christi im eucharistischen Brot und wir sind Leib Christi als Gemeinschaft der Kirche. Deshalb gilt uns auch heute das Wort: "Werdet, was ihr empfangt: Leib Christi. Empfang, was ihr seid: Leib Christi."


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