Predigt an Palmsonntag 2015

29. März 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Theo Flury

Mit dem heutigen Palmsonntag beginnt die sogenannte Heilige Woche, die bedeutungsvollste Woche im Kirchenjahr. Ihr Höhepunkt wird Ostern bilden. Papst Benedikt schreibt im zweiten Band seines Jesusbuches: "Der christliche Glaube steht und fällt mit der Wahrheit des Zeugnisses, dass Christus von den Toten auferstanden ist… Wenn man dies wegnimmt, dann kann man aus der christlichen Überlieferung zwar immer noch eine Reihe bedenkenswerter Vorstellungen über Gott und den Menschen, über dessen Sein und Sollen zusammenfügen – eine Art von religiöser Weltanschauung, - aber der christliche Glaube ist tot. … Jesus ist so kein Massstab mehr; der Massstab ist dann nur noch unser eigenes Urteil, das von seinem Erbe auswählt, was uns hilfreich erscheint. Und das bedeutet: dann sind wir alleingelassen. Unser eigenes Urteil ist die letzte Instanz. Nur wenn Jesus auferstanden ist, ist wirklich Neues geschehen, das die Welt und die Situation des Menschen verändert."

Für den französischen Jesuiten und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin ist der Auferstandene als kosmischer Christus der Punkt Omega, der Erfüllungspunkt, auf den sich die Evolution der Schöpfung und die verschlungenen Wege der Geschichte hin bewegen. Die Entwicklung des Alls, der Menschheit, aber auch jedes einzelnen Schicksals ist kein willkürliches Geschehen, sondern ist zielgerichtet und dazu bestimmt, sich gelingend zu vollenden. Vor Teilhard de Chardin spricht bereits der hl. Paulus von der Fülle der Zeit, in der Gott alles in Christus vereinen, miteinander versöhnen und zum grossen Ganzen bringen werde.

Welchen Platz nimmt Jesus Christus denn aus unserer Sicht in der Religionsgeschichte ein? Seit jeher kennen Menschen aller Kulturen die Ahnung von einem Geheimnis, von etwas, das eben nicht irgendetwas ist, sondern völlig unerwartet, ungedacht und ungesucht oft im Gewohnten und Alltäglichen, aber auch in ausserordentlichen verstörenden, erschreckenden oder faszinierenden Ereignissen und Erfahrungen durchbricht oder durchscheint. Bei mir als jungem Menschen stellten sich solche Momente besonders in der Natur ein, im Schweigen der leeren Kirchen oder in der Musik. Die Ahnung eines Geheimnisses, das im Leben wirkt, und das gleichzeitig Schweigen ist, ein Nichts im Sinne eines nicht Etwas neben anderem, ist aber auch ein Projektionsschirm für menschliche Machphantasien und Ängste. So wird es schnell in menschliche Grenzen eingebunden. Es erscheint dann gern und oft als Gott eines bestimmten Volkes und übernimmt dessen Wertordnung, dessen Feindbilder, dessen Tabus, wird zur Legitimierung von dessen Verhalten, von dessen Kriegen und dessen Blutvergiessen. Gleichzeitig schreckt der Mensch aber vor diesem Bild, das er sich vom Geheimnis gemacht hat, zurück. Er fühlt sich zwar mit dem guten Gott, der mit ihm gegen die Feinde seines Stammes oder Volkes kämpft, im Bund. Tief drin weiss dieser Mensch aber ganz genau, dass in allen etwas von allem ist, dass sich auch in ihm etwas Fremdes findet, das er im Fremden bekämpft. So fühlt er sich schuldig vor seinem Gott und beginnt, ihm zu opfern.

Nun geschieht aber etwas ganz Besonderes. Aus dem Schweigen heraus beginnt das Geheimnis selbst zu sprechen, beginnt, sein Profil zu zeigen. Für uns, die wir in der jüdisch-christlichen Tradition beheimatet sind, ist das Alte Testament, besonders die Selbstoffenbarung Gottes am Sinai, der Bundesschluss mit dem Volk Israel und die Stimme der Propheten, der Ort und die Weise dieses korrigierenden und konkretisierenden Eingreifens. Das grösste und gewichtigste Wort allerdings, das selbst Gott ist, wird in Jesus Christus Mensch unter uns Menschen. So wird das Gottesbild durch das eigentliche Bild Gottes selbst gereinigt, das sich ganz im Sohn verwirklicht. Jesus sagt zu Philippus, als er ihn bittet, den Jüngern doch den Vater zu zeigen: "Wer mich sieht, sieht den Vater". In ihm wird deutlich: Gott ist nicht nur der Erhabene, Grossartige – Jesus Christus kommt in einer Krippe zur Welt und ist bescheidener Herkunft. Gott sprengt den Rahmen der institutionellen Religion – der Jude Jesus widerspricht den jüdischen religiösen Führern und stellt sie in Frage. Gott ist kein irdischer Machtfaktor – Jesus entspricht nicht den Erwartungen eines politischen Befreiers. Jesus lässt sich nicht von den Selbstgerechten und Tonangebenden instrumentalisieren und vereinnahmen - er steht auf der Seite der Schwachen und der Sünder, unabhängig von deren religiöser oder, wie wir heute sagen würden, nationaler Zugehörigkeit. Gott ist kein tariforientierter Vergeltungsautomat – Jesus spricht mit dem einzelnen Menschen, hört ihm zu, sieht ihn an, heilt, befreit und verzeiht dort, wo es nötig ist. Er verkündigt das Reich Gottes, in dem die Barmherzigkeit das letzte Wort hat.

Die Heilige Woche ist die grosse Befreiungs- und Heimholungsfeier Gottes für die Menschen, in der er Klarheit schafft, wer er wirklich ist. Zu der Zeit, da im Tempel von Jerusalem unzählige Lämmer für das Paschafest geschlachtet wurden, wurde, nach der Chronologie des Johannesevangeliums, das eigentliche und einzige Lamm Gottes am Kreuz auf Golgota für alle in den Tod gegeben. Das Zerreissen des Vorhangs im Tempel bedeutet das definitive Ende des Opferkultes, das Ende des vergeblichen menschlichen Bemühens, sich in schier endlosen Ritualen zu entsühnen, einen zürnenden Gott zu besänftigen, das Ende eines vorläufigen und getrübten Gottesbildes. Wie seltsam! Wir Menschen versuchen immer wieder, uns zu Göttern zu machen und zu herrschen, während Gott nur eines im Sinn hat: Mensch zu werden, zu tragen, mitzugehen und zu begleiten. In Jesus zeigt sich Gott als unendlich menschlicher als wir Menschen es sind. Er zeigt, wer er ist: Liebe und Hingabe bis zum Äussersten, bis zum Tod.

Diese Liebe lässt dem Tod jedoch nicht das letzte Wort. Lassen wir wieder Papst Benedikt zu Wort kommen: " Die neutestamentlichen Zeugnisse lassen keinen Zweifel daran, dass mit der Auferstehung des Menschensohnes etwas ganz anderes sich ereignet hatte (als etwa das Mirakel einer wiederbelebten Leiche). Jesu Auferstehung war der Ausbruch in eine ganz neue Art des Lebens, in ein Leben, das nicht mehr dem Gesetz des Stirb und Werde unterworfen ist, sondern jenseits davon steht – ein Leben, das eine neue Dimension des Menschseins eröffnet hat. Deshalb ist die Auferstehung Jesu nicht ein Einzelereignis, das wir auf sich beruhen lassen könnten und das nur der Vergangenheit zugehörte, sondern (gewissermassen) ein "Mutationssprung" (). In Jesu Auferstehung ist eine neue Möglichkeit des Menschseins erreicht, die alle angeht und Zukunft, eine neue Art von Zukunft, für die Menschen eröffnet."

Gestatten Sie mir am Schluss dieser Überlegungen einige konkrete Impulse zur Feier der Heiligen Woche.

  1. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Wenn wir Gott wirklich finden wollen, müssen wir zum Menschen gehen – zu uns selbst und zum andern, ehrlich und ernsthaft.

  2. Wo ist Gott angesichts der Unermesslichkeit von Elend und Schuld? Gott ist mitten drin – es sind Ausläufer des Kreuzes, sie teilen sein Geheimnis und seinen Sinn. Davon dürfen wir ausgehen und darüber in den Gottesdiensten der Karwoche mehr vernehmen. Dieses Bewusstsein vermindert zwar das Leiden nicht, gibt ihm aber einen Platz im Ganzen.
  3. Auferstehung und Geistsendung sprengen die Dimensionen von Zeit und Raum und schaffen ein neues ewiges Hier und Jetzt, in dem Jesus Christus stets gegenwärtig, real präsent und rufbar ist.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete und fruchtbare Heilige Woche.


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