Predigt am Stephanstag 2014

26. Dezember 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Mauritus Honegger

Liebe Schwestern und Brüder,

Während meines Aufenthalts in Jerusalem hatte ich die Gelegenheit, die verschiedenen Feste im Laufe des Kirchenjahres an ihren originalen Orten mitzufeiern. Am Nachmittag des 26. Dezember nahm ich an einer Andacht an dem Ort teil, wo Stephanus das Martyrium erlitten hat. Die Kirche befindet sich im Kidron-Tal, das ist das Tal, das östlich von der Stadt Jerusalem liegt, zwischen dem Tempelberg und dem Ölberg. Ein griechisch-orthodoxes Kloster betreut diese heilige Stätte. Im Geist der Ökumene gestatten die griechischen Mönche den Katholiken, dass sie in ihrem Kloster jeweils am Stephanstag eine Gedenkfeier abhalten dürfen. Durch eine Tür gelangt man in einen kellerähnlichen Raum, wo man den Felsen sieht, auf dem der heilige Stephanus gesteinigt wurde.

So alt die Tradition des Stephanstages auch ist, es überrascht doch immer wieder seine prominente Stellung im liturgischen Kalender, nur einen Tag nach Weihnachten, dem Geburtstag Jesu, des Friedensfürsten. Die alttestamentlichen Propheten hatten verheissen, dass mit dem Kommen des Messias eine Zeit des Friedens anbrechen würde. Doch heute müssen wir von einer brutalen Hinrichtung hören, von einem Lynchmord, ausgeführt von einer gewaltbereiten Menschenmenge, in der sich die Verantwortung des einzelnen hinter der Anonymität der Masse versteckt.

Stephanus gilt als Proto-Märtyrer der Kirche, das heisst, er ist der erste Zeuge aus dem Kreis der Jesus-Anhänger, der für die Treue zu Jesus mit dem Leben bezahlt hat. Wenn wir sozusagen vom Prototyp des christlichen Martyriums reden, ist es sinnvoll zu überlegen, was Martyrium eigentlich bedeutet und was es nicht bedeutet. Dazu möchte ich auf einen Zeitungsartikel von Professor Jan-Heiner Tück verweisen, der vor gut einem Monat in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist. Der Theologieprofessor aus Wien erklärt darin, dass Selbstmordattentäter den Ehrentitel Märtyrer niemals verdienen. Es ist nicht zulässig, furchtbare Attentate in irgendeiner Weise religiös zu begründen. Religion darf nicht für Gewalt instrumentalisiert werden. Diesen Missbrauch prangern nicht nur Papst Franziskus und Theologieprofessoren wie Tück scharf an, sondern auch angesehene islamische Gelehrte haben in einer gemeinsamen Erklärung geschrieben, dass Gewalt an unschuldigen Menschen mit der wahren Lehre des Islam nicht vereinbar ist. Wer Gewalt ausübt, verdunkelt die Gegenwart Gottes auf Erden und kann deshalb kein Zeuge seiner Religion sein. Das Martyrium besteht eben gerade nicht in der Gewaltanwendung, sondern im Erleiden ungerechter Gewalt. Märtyrer sind stets Opfer, niemals Täter.

Auch Stephanus war das Opfer ungerechter Gewalt. Soviel steht fest. – Ungeklärt bleibt jedoch noch, weshalb Stephanus zur Zielscheibe der Gewalt geworden ist. Was war der Auslöser für die Konfliktsituation, die schliesslich zu seiner Steinigung führte?

Es hängt höchstwahrscheinlich mit seiner Einstellung gegenüber dem Jerusalemer Tempel zusammen. Der Tempel war ja das Zentralheiligtum der Juden, ein besonders heiliger Ort, weil sie darin die Gegenwart Gottes in besonders dichter Weise erfuhren. Er war das Ziel all ihrer Wallfahrten. Und sie waren sozusagen auch finanziell involviert, weil sie doch jährlich eine Tempelsteuer entrichteten, mit der der Opferbetrieb im Tempel finanziert wurde. Die Tempelpriester schlachteten nämlich täglich mehrere Tiere, die sie stellvertretend für das Volk Gott darbrachten. Es erstaunt deshalb nicht, dass fromme Juden empfindlich reagierten, wenn jemand schlecht über den Tempel redete oder ihm sogar seine Berechtigung absprach.

Als Stephanus von seinen Gegnern in die Enge getrieben wird, hebt er zu einer leidenschaftlichen Verteidigungsrede an. Er versucht aber nicht, um jeden Preis dem Tod zu entkommen, sondern er bleibt seinen Überzeugungen treu und er bekennt freimütig und furchtlos seinen Glauben – im Bewusstsein, dass es ihm das Leben kosten könnte.

In dieser emotionalen Verteidigungsrede nimmt Stephanus auch Stellung zum Jerusalemer Tempel und zwar mit folgenden Worten: "König Salomo baute für Gott ein Haus. Aber der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist" (Apg 7,48-49). Stephanus zweifelt also an einer besonderen Gegenwart Gottes im Tempel. So eine Aussage musste in den Ohren frommer Juden eine Provokation sein. Das wurde als Angriff auf das Zentrum ihrer Religion empfunden.

Stephanus ist aber nicht der erste, der den Tempelbetrieb kritisiert hat. Schon die alttestamentlichen Propheten riefen die Menschen zur Verinnerlichung der Opfer auf. So heisst es etwa bei Jesaja: "Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern? – Spruch des Herrn. Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben. Wascht euch, reinigt euch! Hört auf, Böses zu tun. Lernt, Gutes zu tun!" (vgl. Jes 1,11-17).

In den Psalmen kommt Kultkritik in Gebetsform vor: "Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben; an Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz, wirst du, Gott, nicht verschmähen" (Ps 51,18-19).

Auch Jesus selber steht dem Tempel in kritischer Distanz gegenüber. Denken wir an die Tempelreinigung, bei der Jesus die Geldwechsler und Verkäufer von Opfertieren aus dem Tempelvorhof herausschickt. Mit dieser Zeichenhandlung prangert Jesus nicht nur die Kommerzialisierung der Religion an. Seine Tempelaktion stellt darüber hinaus den Tempelbetrieb an sich in Frage: Denn wenn es keine Tiere mehr zu kaufen gibt, können auch keine Opfer mehr dargebracht werden.

Aber obwohl Jesus offensichtlich tempelkritisch eingestellt war, kann seine Haltung in dieser Frage doch nicht absolut radikal gewesen sein. Er scheint von seinen Jüngern zumindest nicht verlangt zu haben, sich vom Tempel fern zu halten. Denn wie könnte man sonst erklären, was die Apostelgeschichte berichtet: dass nämlich Petrus und Johannes nach dem Tod Jesu weiterhin in den Tempel gingen, um dort Gebete zu verrichten? (vgl. Apg 3,1) Also sah ein Teil der Jesus-Anhänger kein Problem darin, den Jesus-Glauben mit der traditionellen Tempelfrömmigkeit zu harmonisieren. Sie anerkannten Jesus als den Messias und beteten trotzdem weiterhin im Tempel. Das war für sie kein Widerspruch.

Bei Stephanus scheint sich hingegen die Tempelkritik verschärft zu haben, was ihn in Konflikt mit den jüdischen Autoritäten brachte. Stephanus stand für einen kompromisslosen Jesus-Glauben ein. Er verstand den Tod Jesu am Kreuz als das endgültige Sühne-Opfer. Gott hat die Welt im Kreuzestod Jesu ein für alle Mal mit sich versöhnt und die Vergebung der Sünden ermöglicht. Was konnte es da noch für einen Sinn machen, weiterhin Rinder, Tauben, Getreide oder Weihrauch zu opfern zur Wiedergutmachung der begangenen Sünden? Würde man weiterhin am Tempel festhalten, wäre die universale Heilsbedeutung des Jesus-Ereignisses in Frage gestellt. Stephanus konnte und wollte in dieser Beziehung keine Abstriche machen. Er hatte verstanden, dass der Tod Jesu und seine Beglaubigung durch Gott in der Auferstehung, eine Veränderung gebracht haben. Es konnte nicht einfach weitergehen wie bisher. Opfer waren nun nicht mehr nötig. Der Tempelkult war an sein Ende gekommen.

Die Tempelkritik in der Verteidigungsrede des Stephanus ist also nicht einfach emotionale Polemik eines Verzweifelten, sondern sie ist Ausdruck seines Jesusglaubens. Jesus hat den Menschen das Heil gebracht. Opfer sind nicht mehr nötig, menschliche Leistungen können dem nichts hinzufügen: Jesus hat für uns und für alle genug getan. Amen.


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