Predigt an Weihnachten 2014

25. Dezember 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Daniel Emmenegger

Es ist auffallend, wie zentral an Weihnachten in den Texten der Liturgie die Sinneswahrnehmung ist. Es ist auffallend, wie uns jetzt in den Gottesdiensten der Kirche immer wieder Texte vorgetragen werden, die wollen, dass wir sehen, schauen, hören, anfassen!

Man könnte sagen, Weihnachten fordert unsere Sinne heraus!

Denken wir an die Lesung: Da war davon die Rede, dass man mit den Augen den Herrn werde kommen sehen; dass das Heil vor aller Augen sichtbar werde. Und im ersten Brief des Johannes, den uns die Liturgie der Kirche gerade in diesen Tagen immer wieder zu Gehör bringt, bezeugt der Apostel die Erfüllung dieser prophetischen Worte, wenn er sagt: Wir verkünden "was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben" (1 Joh 1,1).

Sie sehen: Weihnachten fordert unsere Sinne!

Auch das eben gehörte Evangelium scheint das zu bestätigen. Ein Text, bei dem man förmlich spürt, dass wir es hier mit einem unergründlichen Geheimnis zu tun haben, das unser Verstehen übersteigt. Ein Text aber auch, der ausgerechnet in dem Vers gipfelt, wo es heisst, dass sich dieses Geheimnis eben doch gerade hör-, sicht- und anfassbar machen will, indem es Fleisch, das heisst: eine geschöpfliche Gestalt annimmt.

Aber das Evangelium spricht dann auch davon, dass die Menschen diese geschöpfliche Gestalt zwar hörten, sahen und anfassten, aber dennoch nicht erkannten! Ja, es gibt dieses eigenartige "sehen – und doch nicht erkennen", "hören – und doch nicht verstehen", "berühren – und doch nicht begreifen".

Unsere fünf Sinne reichen in sich offenbar nicht aus, um das Geheimnis, das uns umgibt und das sich uns zeigen will, auch wirklich wahrzunehmen.

In der christlichen Tradition hat sich schon früh die Lehre von den geistlichen Sinnen entwickelt. Nebst des Sehens mit den Augen; des Hörens mit den Ohren, des Tastens mit den Händen und so weiter, gibt es auch noch ein geistliches Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten.

Und Weihnachten will, dass wir lernen, alle unsere Sinne zu gebrauchen!

Ich komme wieder auf die Liturgie zu sprechen; und zwar auf die Liturgie, die wir jetzt eben gemeinsam als Kirche feiern. Auch sie weist uns mit tiefsinnigen Worten darauf hin, dass bei uns Menschen ein vertieftes Wahrnehmen gefragt ist, wenn wir dem Geheimnis, das uns umgibt, auf die Spur kommen wollen. In wenigen Augenblicken wird Abt Urban am Altar im Namen von uns allen in lateinischer Sprache ein Dankgebet – die sogenannte Präfation – an Gott richten. Darin heisst es: "Durch das Geheimnis des menschgewordenen Wortes erstrahlt den Augen unseres Geistes das neue Licht Deiner [des Vaters] Herrlichkeit, damit wir, indem wir sichtbar Gott erkennen, zur Liebe des Unsichtbaren hingerissen werden."

Lassen Sie sich von der Dichte dieser Aussage nicht verwirren; lassen Sie sich vielmehr zu einer vertieften Suche einladen! Wichtig ist für uns Folgendes: Damit wir auch mit den geistlichen Sinnen wahrnehmen können, müssen diese zuerst geweckt, oder besser: erleuchtet werden. Das Licht, das sie erleuchtet, ist Gott selbst. Und dieses Licht erscheint sichtbar in einer menschlichen Gestalt.

Wenn wir also mit unseren Sinnen – mit den leiblichen, wie aber auch mit den geistlichen – wahrnehmen wollen, müssen wir auf den Menschen schauen, der an Weihnachten sichtbar als Kind in der Krippe liegt, und den uns die ebenfalls konkret sichtbare Kirche vor Augen stellt. In und durch diesen Menschen – also in und durch Christus – erkennen wir den unfassbaren und unsichtbaren Gott, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.

Wenn das so ist, dann ergeben sich daraus für uns Menschen, für unser Leben unabhängig von Herkunft, Religion oder Geschlecht zwei ganz ernste Konsequenzen.

Die erste Konsequenz ist folgende: Gott, dieses unergründliche Geheimnis finden wir nicht losgelöst von der sichtbaren Wirklichkeit, die uns umgibt. Jede Gottsuche, jede Spiritualität, die im Materiellen, Weltlichen, Stofflichen; unter Umständen sogar im Mitmenschen ein Hindernis sieht, um Gott zu erfahren und daher versucht, sich von all dem zu lösen: Eine solche Gottsuche wird tausend Götzen finden, aber nicht den einen und lebendigen Gott, den Schöpfer des Sichtbaren und des Unsichtbaren!

Es gilt aber noch ein zweites: Wenn sich im Menschen Jesus der lebendige Gott wirklich selbst zeigt und uns anspricht, dann – und das ist die zweite Konsequenz – ist dieser Jesus Christus der Massstab dafür, aus welchen von den sichtbaren, sich uns tagtäglich aufdrängenden Dingen wirklich das Geheimnis Gottes spricht. Es wird deutlich, dass es auch Dinge gibt, die sich eher wie dunkle Wolken vor dieses Geheimnis stellen und verhindern, dass unsere geistlichen Sinne geweckt werden. Es ist eben nicht so, dass Gott uns in allem Sichtbaren in gleicher Weise begegnet. Der Teufel ist gut im Nachäffen, und wir gehen ihm oft genug auf den Leim!

Es gilt also in der konkreten Welt, in der wir leben, mitten in unserem konkreten Alltag, mit unseren Augen, Ohren und Händen, mit unserer Nase und unserer Zunge das Licht zu suchen, das unsere geistlichen Sinne weckt. Und wenn wir auf Christus blicken, der selber das Licht ist, und ihn ernst nehmen, dann wissen wir, wo er sich am ehesten zeigt: In den Armen, Geringen, Verachteten, Ausgestossenen und Einsamen. Unser Papst Franziskus erinnert uns unaufhörlich daran. Und wir müssen immer wieder daran erinnert werden. Das geschieht auch, wenn wir am Leben der sichtbaren Kirche teilnehmen, so wie jetzt, wenn wir Liturgie feiern. Hier finden wir die eigentliche Substanz, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann, wie neulich eine Frau in einem Leserbrief schrieb.

Weihnachten fordert unsere Sinne heraus! Wenn wir lernen, mit all unseren Sinnen die uns umgebende Wirklichkeit wahrzunehmen, dann entdecken wir, dass Gott uns tatsächlich nahe ist. Dann haben wir das ganze Jahr wirkliche Weihnachten!

Amen.


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