Predigt an der Primiz von Pater Mauritius Honegger

5. Oktober 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Nikodemus Schnabel OSB

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitschwestern und Mitbrüder in der Nachfolge des heiligen Benedikt, liebe Eltern von Pater Mauritius – ohne Sie gäbe es keinen Grund, dass wir heute hier versammelt sind –, lieber Pater Mauritius.

Es ist für mich eine grosse Ehre, hier heute die Festpredigt haben zu dürfen in dieser unfassbar wunderschönen Kirche, gefüllt mit mehr Menschen als Jerusalem noch Katholiken hat, in diesem Rahmen, den ich nicht gewohnt bin, und Sie merken vielleicht die Aufregung meiner Stimme.

Ich habe ein kleines Problem, wenn ich heute diese Festpredigt halte, weil ich zwei Positionen nicht annehmen kann. Ich bin jetzt nicht schon seit Jahrzehnten Priester, dass ich sagen könnte: "Lieber Mauritius, das wird schon!" Da fehlt mir einfach die Lebenserfahrung, um das glaubwürdig sagen zu können. Andererseits bin ich selbst seit einem Jahr Priester, das heisst, ich kann auch nicht mehr idealisierend als Aussenstehender sprechen, sondern ich bin selbst involviert, und wenn ich über das Priestertum spreche, muss ich auch über mich und mein eigenes Leben sprechen und mein Priestertum. Was ich aber in diesem Jahr gemerkt habe – und darauf möchte ich Sie mitnehmen; es wird vielleicht eher statt einer Predigt ein tastendes Nachdenken, was Weihepriestertum heute bedeutet. Denn ich glaube, viele Bilder oder viele Predigten, die darüber handeln, treffen nicht mehr so gut in unserer heutigen Zeit.

Da ist zum Beispiel sehr oft ein Bild vom Hirten, der Hirte und dann die Herde. Ich bin hier in der Eidgenossenschaft und ich glaube, gerade hier gibt es einen gut ausgeprägten Drang zur Freiheit und auch durchaus zur kritischen Distanz zu Autoritäten. Und ich glaube, das Hirtenbild trägt nicht so weit – zumal für einen Ordenspriester. Der Abt wird sich bedanken, wenn der neugeweihte Priester kommt und sagt: "So, ich bin jetzt auch Hirte." Benedikt schreibt in seiner Regel ganz klar, dass gerade die Priester genauso zum Gehorsam verpflichtet sind wie die Nicht-Priester im Konvent. Da gibt es keinen Bonus, keinen Hirten-Bonus. Und auch Benedikt selbst schreibt in seiner Regel: "Wenn jemand anklopft und Mönch werden will, geht es darum, ob jemand wahrhaft Gott sucht." Ich gebe zu, dass dieses Bild mir sympathischer ist: Gottsucher zu sein mit anderen Gottsuchern, als Hirte gegenüber der Herde.

Modernere Bilder sprechen vom Vorsteher. Dieses Bild finde ich ebenfalls nicht sehr attraktiv. Es hat etwas den Charme von, na gut, einer muss sozusagen den Vorsitz führen, aber es ist so austauchbar, wie im Kloster es verschiedene Aufgaben gibt: Bibliothekar, Kellermeister, Schulseelsorger, wie auch immer, so ist dann halt jemand Priester und das kann man aber auch wieder austauschen. Ich glaube, dazu war das, was wir gestern gefeiert haben, zu tiefgehend, zu eindrücklich, und wir haben zweitausend Jahre Kirchengeschichte und die ökumenische Erfahrung mit den Ostkirchen dagegen, dass wir das einfach so nivellierend abtun. Da ist schon etwas sehr Grundlegendes gestern mit Pater Mauritius und Pater Philipp geschehen.

Man kann es sich natürlich auch einfacher machen und dann gar nicht die Beziehung zwischen Priester und Nicht-Priester thematisieren, sondern eher, dass man sagen kann, jetzt bekommt das geistliche Leben eine neue Intensität, jetzt geht es wirklich um radikale Christusnachfolge, jetzt geht es darum, wirklich, ja, Christus nachzufolgen. Aber da muss man sagen, wenn man Mönch ist, und erst mit der Priesterweihe damit anfängt, ist man reichlich spät dran. Eigentlich – und das ist das Grundlegende – sind wir als Ordenspriester zunächst Mönch. Und mit diesem Mönchtum ist auch all das verbunden, was die heutige Zeit so elektrisiert: Stichwort Zölibat, Armut, Gehorsam. Das hat für Pater Mauritius nicht erst mit der Priesterweihe angefangen und er fängt auch jetzt nicht erst mit dem Stundengebet an oder mit der Beschäftigung mit den heiligen Schriften. Dazu hätte es wahrlich keine Priesterweihe gebraucht.

Ich denke, wir sollten vielleicht nochmal zum Anfang kommen, dass es vielleicht doch daran liegt: an dem Verhältnis zwischen Priester und den Gläubigen. Und vielleicht hilft uns tatsächlich der Unterschied, der jetzt gemacht wurde, wenn wir ganz nüchtern betrachten, so ist Pater Mauritius nun die Feier von Sakramenten in besonderer Weise anvertraut, und zwar von drei Sakramenten: nämlich der Eucharistie, des Busssakramentes, der Beichte, und der Krankensalbung. Ich glaube, diese Sakramente bringen auf den Punkt die menschlichen Katastrophen, die menschlichen Krisen. Ich glaube, man kann sagen, es gibt drei grosse menschliche Krisen, denen wir im Leben alle nicht entkommen: Das ist Schuld, das ist Leid, das ist der Tod. Und genau mit diesen drei radikalen Krisen beschäftigen sich genau diese drei Sakramente. Das Busssakrament ist die Antwort auf die Katastrophe der Schuld, der Sünde. Die Krankensalbung die Antwort auf die Katastrophe des Leidens, des körperlichen Leidens, des physischen Leidens oder auch des psychischen Leidens. Und die Eucharistie ist letztendlich die Antwort auf den Tod, die Feier des Todes Christi und die Überwindung des Todes durch Christus und – wie wir in einem Gebet beten, wenn wir die Gefässe reinigen: eine Arznei der Unsterblichkeit.

Diese Sakramente, wie feiert der Priester sie? Ich bin überzeugt, weder als Hirt noch als Vorsteher. Sondern als jemand, der vielleicht wie ein Arzt auf diese Krisen des Menschen eingeht, auf diese Verwundungen – und nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott ihm die Gnade dazu geschenkt hat, den Menschen eine wirkliche Antwort auf diese Katastrophen zu geben, keine schönen Worte, kein nettes Daher-Gerede. Sondern die Antwort auf Schuld und Sünde ist im Busssakrament die Vergebung dieser Sünden. Die Antwort auf das Leid des Menschen ist die Aufrichtung durch die Krankensalbung. Und die Antwort auf die Urkatastrophe des menschlichen Todes ist die Feier der Eucharistie, die Feier der Überwindung des Todes, die Feier des Lebens. Und diese Sakramente geschehen eben durch das Wort, durch Gottes Wort, dem der Priester seinen Mund leiht, aber eben auch durch Berührung. Ich glaube, Gott war da sehr geschickt, diese Sakramente eben nicht als eine reine Worthandlung zu initiieren. Jesus Christus selbst, wenn wir im Neuen Testament lesen, ist jemand, der die Menschen immer wieder berührt. Und so werden beim Busssakrament die Hände aufgelegt, bei der Krankensalbung mit dem Krankenöl Stirn und Hände gesalbt. Und bei der Eucharistie wohl die radikalste Form der Berührung: Dass wirklich Brot und Wein, das Leib und Blut Christi ist, aufgenommen wird, internalisiert, in den Menschen hineinwandert, ihn innerlich tief berührt.

Und ich glaube, das ist momentan mein jetziger Stand: Wenn ich über Priestertum nachdenke und das meinige Priestertum, geht es wohl darum, den Menschen diese Berührung Gottes zu schenken. Wobei das ist keine Einbahnstrasse. Man berührt nicht nur durch die Sakramente die Menschen. Man wird eben auch berührt – wie ich das angedeutet habe – durch diese Krisen von Schuld, Leid und Tod. Und Priester-Sein bedeutet eben nicht nur Arzt-Sein, sondern eben sich selbst verwundbar machen.

Ab jetzt, lieber Pater Mauritius, kannst du dich nicht mehr wegducken. Die Menschen, die Gläubigen haben ein Recht auf Sakramente. Und wenn dort einer in Schuld verstrickt steht und bei dir anklopft, hat er ein Recht darauf, dass du mit ihm das Sakrament der Busse feierst. Und wenn ein Kranker und Leidender bei dir anklopft, hat er ein Recht darauf, dass du ihm die Krankensalbung spendest. Und die Menschen haben auch ein Recht darauf, dass sie immer wieder und wieder den Sieg des Lebens über den Tod in der Eucharistie feiern dürfen. Priester-Sein bedeutet in dem Sinn auch, ausgeliefert sein den Menschen, sich verwunden zu lassen durch die Menschen, aber die verwundeten Menschen durch Berührung auch heilen zu dürfen.

Und deswegen wünsche ich dir aber auch, dass dies gelingt: diese gegenseitige Berührung, dass du dich von Gott berühren lässt. Verhärte dein Herz nicht! Lass ihn in dein Leben hinein und lass dich immer wieder neu berühren – vielleicht sogar auch verwunden –, damit du für die Menschen berührbar bleibst und ihnen die Gnade der Berührung Gottes schenkst! Dazu helfe dir die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria, die Rosenkranzkönigin und Schutzfrau von Einsiedeln! Amen.


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