Predigt an der Grossen Engelweihe 2014

14. September 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Weihbischof Alain de Raemy

Unerhört ! Unerhört was hier passiert. Hier, in Einsiedeln. Im Jahre: 948…

Bischof Konrad von Konstanz wollte hier die erste Kloster-Kirche, samt der Kapelle des heiligen Meinrad, feierlich weihen. So war es jedenfalls vorgesehen. Aber siehe da: Christus war schneller. Am Vorabend der geplanten Weihe, als der Bischof zum Nachtgebet alleine in der Kapelle weilte, konnte er nur staunen: er sah in einer Vision, wie sein Auftrag von einem anderen, nämlich von Christus selber, schon erfüllt wurde… Er war regelgerecht überholt worden. Überholt, auch im liturgischen Sinn: Jesus weihte ihm die Kapelle, mitten unter einer riesigen Schar mitwirkenden Engeln und Heiligen, in einer Weise also, die er nicht einmal mit seiner besten Ministranten-Gruppe hätte übertreffen können…

Was können aber wir daraus lernen? Kann man überhaupt aus einem historisch nicht nachweisbaren Geschehen etwas lernen? Soll man daraus Schlüsse ziehen, werden es nicht eher Kurzschlüsse sein?

Ich bitte um Entschuldigung, aber ich wage es, daraus doch eine Lehre zu ziehen! Und das, aus einem einfachen Grund: gewisse Tatsachen unseres Glaubens, wie man sie aus den heutigen Lesungen der heiligen Schrift entnehmen kann, sind ganz im Sinne der Engelweihe, was Gottes-Art und Gottes-Handeln betrifft…!
Lassen wir uns also einfach von der Einsiedler Engelweihe und von den liturgisch dazugehörenden Schriftauszügen, von beiden, belehren.

Ich schlage ihnen drei Schlussfolgerungen.

Erstens : Bischöfe müssen schneller sein, wenn sie nicht überholt werden wollen…

Zweitens: wir gläubige Christen, wir haben alle noch mehr Grund von unserem Glauben aus zu staunen, als ein Ezechiel oder ein Bischof von Konstanz vor ihren Visionen…

Drittens: wie die sündige Frau aus Samarien reagiert, sobald sie Jesus als Messias identifiziert, ist heute noch lehrreich.

Kommen wir also zum ersten Punkt: Bischöfe müssen schneller sein.

Damals hatten einige Einsiedler im finsteren Wald ihren Bischof in Konstanz gedrängt, die neue Meinrads-Kapelle und ihre Kloster-Kirche zu weihen. Was der Bischof noch alles zu tun gehabt hätte, als Bischof und Fürst, als Fürst und Bischof, weiss ich nicht. Interessieren muss mich aber eben vielmehr, als heutiger Bischof, wie er damals einer Anfrage zustimmen konnte, die aus einer kleinen Minderheit von Mystikern und Einsiedler, in einem abgelegenen finsteren Wald, stammte. Das stellt mir zum Beispiel die Frage, wieviel Zeit und Aufwand ich heute einer jüngeren Generation widmen will, die wirklich, so minderheitlich sie auch sei, ein gottgeweihtes Leben in der Welt und für die Welt, führen will. Jungen Leuten, also, denen es nicht darum geht, wie weit sie in der Amts-Kirche mitreden dürfen, sondern wie sie sich in der Gesellschaft, in der Familie, am Arbeitsplatz und bei Ihrer gleichaltrigen glaubensfremden Kameraden für Christus einsetzen können.
Wir Bischöfe, wir sollten viel schneller, viel entscheidender, mit diesem existentiellen Gottes-Anliegen vieler Jungen, vor Gott treten. Denn im persönlichen Gebet würden wir wahrscheinlich feststellen können, wie damals der Bischof von Konstanz in der Gnadenkapelle, wie weit uns der Herr bei diesen Jungen schon voraus ist…

Zweite Bemerkung: wir haben im Glauben wirklich Grund zum Staunen!

Damals, zur Zeit des Propheten Ezechiels, hatte man wirklich einen sakralen Sinn für Gottesgegenwart. Unseren alttestamentlichen Vorfahren genügte es zu erfahren, dass Gott an einem Ort irgendwie unsere Erde berühren würde… und schon fielen sie dort vor Begeisterung auf die Knie!
Und heute? Nach der Menschwerdung Gottes? Wo stehen wir als Christen, in unserem Gott-Empfinden, in unserer Ergriffenheit vor der Offenbarung Christi? Ist uns bewusst, dass wir in unseren Tempeln Gott ganz erleben können? Oder haben wir noch alttestamentliche Vorlieben, und streiten immer noch um einen Berg in Samarien oder eine Stätte in Jerusalem, was in heutiger Sprache heissen könnte: zwischen einem Alternativ-Gottesdienst,
und einer museumswürdigen Liturgie? Sollten wir nicht einfach auf die Knie, mit immer neuem Staunen, wenn wir das Allerheiligste erleben?
Ich habe wirklich oft den Eindruck, dass unter uns Christen in der Schweiz, das Unerhörte des Evangeliums über die heutige Gegenwart Christi weder genügend wahrgenommen noch genügend Rechnung getragen wird…
Aber, wie gesagt, eine neue Generation lädt uns da wieder ganz entschieden dazu ein…

Und nun zum Evangelium.
Die Reaktion der sündigen Frau aus Samarien ist erstaunlich. Diese Frau hatte sich bis dann, dem Blick der anderen entzogen.

Als Jesus ihr sagt: "ich bin es, der Messias, ich, der mit Dir spricht", wusste es schon wenige Minuten später das ganze Dorf! Meine Güte! Haben Sie sich schon gefragt, wie viele Nachbarn oder Bekannten dank Ihnen von Christus erfahren…? Heisst das nicht, dass uns Jesus doch nicht so wichtig ist?

Lassen wir uns aber noch weiter prüfen: "was ihr für einen meiner geringsten Brüdern getan habt, dass habt ihr mir getan…", und "was ihr für einen dieser geringste getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan."
Wenn wir in diesem Bewusstsein tagtäglich leben würden… verbunden mit der Aufforderung: "liebt eure Feinde, tut genau dem Gutes, der euch Schlechtes tut, und vergibt immer und ohne Bedenken"…, dann wären wir, wir, wir Millionen Christen in der Welt, wie eine Bombe, wie eine Heilsbombe in dieser Welt! Gandhi meinte schon, mit solchen echten Christen, wäre die Welt schon ganz anders…
Entspricht das nicht der eigentlichen Anbetung im Geist und in der Wahrheit, die Gott von uns erwartet?

Liebe Festgemeinde, liebe Klostergemeinschaft, liebe Mitbrüder: lassen wir uns also vom heutigen Weihefest dreifach überzeugen.

Und zuerst einmal darüber, dass wir Bischöfe brauchen, die unverzüglich in den neuen Generationen die Durst nach Gott entdecken und ihr entgegenkommen

Zweitens, brauchen wir auch Christen, die merken, dass ihnen die Kirche wirklich Gott schenkt, nicht nur teilweise, sondern ganz; weil Er sich ihnen einfach ganz hingibt, angefangen bei der normal gefeierten Eucharistie.

Wir brauchen auch Gott-erfüllte Laien, die nichts interessanter finden als Gott auch im Nächsten zu entdecken und zu lieben, Feind inbegriffen…

Unerhört was sich da jeden Tag abspielen könnte, mit schnelleren Bischöfen, hell begeisterten Gläubigen und einfach unbegrenzt liebenden Laien!
Wir könnten nur noch staunen… Damals im Jahre 948 wie auch jetzt im September 2014.

Jenseits jeder Legende…, im Geist und in der Wahrheit.

Amen.


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