Predigt an Pfingsten 2014

8. Juni 2014, Klosterkirche, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Papst Franziskus versteht wie kein anderer, starke Zeichen zu setzen. Während seiner Reise ins Heilige Land hat er bei einer Messe unter freiem Himmel auf dem Krippenplatz in Bethlehem überraschend eine Einladung an die Präsidenten Israels und Palästinas in den Vatikan ausgesprochen, um bei ihm zu beten und von Gott das Geschenk des Friedens zu erflehen. Und so findet heute Abend dieses Gebetstreffen zwischen Shimon Peres, Mahmud Abbas und Papst Franziskus statt: Sie kommen im Haus des Papstes zusammen, wie er es nennt, um eine Pause von der Politik zu machen.
Wohl niemand wird so naiv sein zu glauben, dass nun gleichsam über Nacht im Nahen Osten der Friede einzieht, nachdem auf allen Seiten der Hass tief in den Herzen der Menschen sitzt. Auch wenn wir heute Pfingsten feiern, wird in Rom wohl kaum ein Brausen vom Himmel kommen und während des Gebetes kein heftiger Sturm daherfahren. Es geht dem Papst nicht um das grosse Event, sondern darum, verschüttete Strassen freizubekommen, die Sehnsucht nach Frieden zu wecken und die Haltung der Völker langsam zu ändern. Was dabei wichtig ist: Das Medieninteresse an diesem Gebetstreffen ist im Nahen Osten ungewöhnlich stark. Über die Medien kann die Botschaft dieses Gebets auch in Palästina und Israel verbreitet werden.

Meine Lieben, nicht nur in Rom wird es heute kaum einen Sturm geben. Wir Menschen in der Deutschschweiz sind ja nicht gerade dafür bekannt, dass wir unsere Gefühle stürmisch zum Ausdruck bringen, schon gar nicht, wenn es um den Glauben geht. Gerade an einem strahlenden Sommertag wie heute ersehnt sich bei uns wohl niemand einen Sturm, sind doch bei uns Sonne und Wärme wahrlich ein Luxus. Auch in den heutigen Lesungen sind die Gaben des hl. Geistes nicht der Sturm selbst. In der Apostelgeschichte heisst es für Pfingsten nicht, dass ein Sturm aufgekommen sei! Das Kommen des Hl. Geistes wird damit verglichen! Ein besseres Bild für diese intensive Erfahrung Gottes fand der hl. Lukas nicht. Was also schenkt uns heute der Hl. Geist, wenn es nicht ein Sturm ist? Ich möchte drei Geschenke des Geistes aufzählen.

In Einsiedeln hört man am heutigen Pfingsttag wieder viele verschiedene Sprachen, am Nachmittag wird es vor allem Portugiesisch sein. Ich selbst verstehe und spreche diese Sprache leider nicht. Am Pfingsttag begannen die Menschen in der Apostelgeschichte, die vom Hl. Geist erfasst wurden, nicht etwa so in anderen Sprachen zu sprechen, als könnten wir im Christentum nun gleichsam teure Sprachkurse sparen. Nein, die umstehenden Leute haben sofort gehört, dass da Galiläer sprechen. Dennoch konnten sie alle in ihrer Muttersprache verstehen und erfahren, dass hier Menschen "Gottes grosse Taten verkünden". Das erste Geschenk des Hl. Geistes, das mir in den heutigen Lesungen auffällt, ist jenes des Sprechens, das alle verstehen. So verschieden wir Menschen sind: Im Hl. Geist verstehen wir uns, denn Er spricht die Sprache der Liebe. Das gilt ja auch für unsere Gottesdienstgemeinschaft: Wir alle kommen aus unterschiedlichen Ländern, Kantonen, Schichten, Sprachen und Altersgruppen. Was uns vereint ist der Glaube an den dreifaltigen Gott – und das ist eine Frucht des Hl. Geistes: das Geschenk der Einheit.

Im Evangelium hören wird, dass die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hielten. Da kommt an Ostern Jesus in ihre Mitte. Jesus bleibt nicht draussen stehen, auch bittet er die anderen nicht nach draussen. Christus kommt in die Mitte dieser Angst und des Verzagens seiner Jünger und spricht da das befreiende Wort des Friedens: "Friede sei mit euch!" (Mit diesen Worten habe ich Sie heute auch in diesem Gottesdienst begrüsst.) Dann gab er ihnen den Hl. Geist. Damit müssen seine Jünger, müssen wir keine Angst mehr haben: Der Friede bleibt in unserem Herzen, auch nach dem Weggehen Jesu, denn der Hl. Geist schenkt uns diesen Frieden immer wieder neu, wenn wir dafür offen sind. Neben dem Geschenk der Einheit schenkt uns der Hl. Geist die Frucht des Friedens.

Und noch etwas schenkt uns der Hl. Geist: Versöhnung, Versöhnung mit sich selbst, mit Gott und so auch mit anderen Menschen. Wer sich nicht versöhnen kann mit den eigenen Wunden, mit der eigenen Geschichte und den eigenen Enttäuschungen wird sich schwerlich mit anderen Menschen versöhnen können. Und weil der Mensch sich nie ganz mit sich selbst versöhnen kann, gibt uns der Hl. Geist, was wir nicht selbst machen können: die Versöhnung von Gott her. Gott schenkt im Evangelium seiner Kirche sogar die Vollmacht dazu: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." Lassen wir uns mit Gott versöhnen, dann wird uns keine Vergebung verweigert!

Meine Lieben, Pfingsten ist wie ein Sturm. Auch in der Deutschschweiz und anderswo dürfen wir die Fenster unseres Eingeschlossenseins und unsere Türen der Angst aufreissen und Christus einlassen. Wir dürfen weitergeben, was wir empfangen: den Geist, der die Menschen in der Verschiedenheit zur Einheit im Glauben führen kann, den Geist des Friedens und den Geist der Versöhnung. Machen wir es wie unser Hl. Vater Papst Franziskus und wagen wir Schritte, die vielleicht als naiv belächelt werden können. Viele denke vermutlich: Nur ein Gebet! Wer im Gebet sich für den Hl. Geist öffnet, geht nie ganz unverändert aus dieser Beziehung heraus! Hoffen wir das und beten wir dafür, auch für das heutige Gebetstreffen im Vatikan! Beten wir für den Frieden in dieser Welt! Amen.


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