Predigt vom Karfreitag 2014

18. April 2014, Klosterkirche, P. Daniel Emmenegger

Liebe Mitchristen und auch
Liebe Mitmenschen, die Ihr vielleicht nicht Christen seid, heute aber dennoch den Weg hierher zur Karfreitagsliturgie gefunden habt

Haben Sie sich schon einmal ein Marionettentheater angeschaut? Haben Sie dabei auch bemerkt, wie lebendig diese an sich toten Puppen wirken können, so dass man beinahe vergisst, dass sie sich ja nicht aus eigener Kraft bewegen, sondern dass sie im Verborgenen von Marionettenspielern gelenkt werden?

An solche Marionetten mag man denken, wenn man mit dem erschütternden Geschehen des Leidens Jesu konfrontiert wird. Man hat den Eindruck, dass fast alle Personen innerhalb dieses Geschehens wie Marionetten sind: fremdgesteuert, unfrei, nicht wirklich aus eigener Kraft lebend, im Grunde tot!

Schauen sie sich mal den Pilatus an:
Das Johannesevangelium zeigt ihn uns als eine "ohnmächtige Macht". Er, der römische Statthalter und mächtigste Mann Palästinas möchte Jesus offensichtlich freibekommen, doch scheitern sämtliche Versuche.

Zuerst will er die Masse mobilisieren: Wenn die Menschen zwischen einem an sich harmlosen Jesus und dem berüchtigten Mörder Barrabas wählen können, werden sie wohl kaum so dumm sein und die Freilassung des Mörders fordern.

Als zweites lässt Pilatus Jesus geisseln. Auch dies kann als ein Versuch gedeutet werden, die Hinrichtung am Kreuz zu vermeiden: Vielleicht ist die jüdische Führungsschicht ja dann zufrieden.

Fast verzweifelt fragt Pilatus schliesslich noch einmal: "Euren König soll ich kreuzigen?"

Alle Versuche aber, Jesus freizubekommen, sind zwecklos: Die Dinge nehmen den Lauf, den sie nehmen müssen.

Warum ist das so?
Man hat in diesem Zusammenhang oft auf die Situation des Pilatus hingewiesen: Er sei unzufrieden mit seinem Provinzposten, strebe nach Höherem, möchte in seiner politischen Karriere weiter aufsteigen. Das führe ihn in einen Konkurrenzkampf mit anderen aufstiegshungrigen Römern und mache ihn abhängig von der Gunst des römischen Kaisers. Die jüdische Führungsschicht weiss darum und trifft den Pilatus schliesslich an genau diesem wunden Punkt: "Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers!"

Aber damit, liebe Schwestern und Brüder, sehen wir erst das, was sich gleichsam auf der grossen politischen Bühne abspielt. Was uns aber interessieren muss, ist das, was hinter den Kulissen dieser Bühne gespielt wird. Denn was hinter den Kulissen gespielt wird, zeigt sich nach aussen nicht nur auf der grossen politischen Bühne, sondern zum Beispiel auch auf der Bühne einer kleinen Familie, auf der Bühne des alltäglichen Lebens einer jeden und eines jeden von uns.

Hinter der Ohnmacht des Pilatus zeigt sich letztlich eine ganz andere Macht: Die Sünde. Und das heisst: Die Loslösung der gesamten Schöpfung von ihrem Schöpfer durch den Menschen. Kurzum: Trennung von Gott.

Darin liegt ja die eigentliche Tragik von uns Menschen, dass wir Den, der uns am nächsten ist, nicht erkennen!

Im Evangelium gilt dies in besonderer Weise vom Volke Israel, repräsentiert durch die jüdische Führungsschicht. Sie sind das heilige und auserwählte Volk – woran sich bis zum heutigen Tag nichts geändert hat! Durch sie sollte die unsägliche Trennung zwischen Gott und Mensch geheilt und die gesamte Schöpfung zu ihrer wahren und eigentlichen Grösse, Freiheit und Entfaltung geführt werden.

Aber man hat den Erlöser nicht erkannt, ja mehr noch: man hat ihn abgelehnt!

Während der Kreuzesverehrung, zu der wir nachher schreiten, wird der Chor die Heilandsklagen singen. Wir hören die Stimme Christi, die spricht:
"Mein Volk, was habe ich dir getan? Womit habe ich dich betrübt? Antworte mir! Denn ich habe dich herausgeführt aus dem Land Ägypten, aus der Sklaverei, aber du – du hast deinem Erlöser das Kreuz bereitet!"

Seht den Menschen, der da am Kreuz hängt! Er ist geschunden am Leib, sozial geächtet und isoliert. Und sogar er, der doch selber Gott ist, erfährt Gott vielleicht so, als ob er nicht wäre. Er ist völlig verlassen. Für einen schriftkundigen gläubigen Juden war klar: Was am Pfahl hängt, ist von Gott verflucht!

Hier, liebe Schwestern und Brüder, zeigt sich, wie eine Welt ist, die sich von Gott trennt. Sie wird verkehrt, unheilvoll, ja böse!
Alles Böse in der Welt, alles Unheil, jedes Leiden, jede Krankheit, jedes Verbrechen und jedes Unrecht – auch das Unrecht, das Pilatus über Jesus verhängt – hat hier seinen letzten und tiefsten Grund.

Wenn wir Menschen uns aus diesem Unheilszustand befreien wollten, ohne diesen Umstand zu bedenken, dann verfallen wir letztlich dieser Welt: Wir werden uns gegenseitig zu Betrügern und Scharlatanen, wir bauen uns politische, wirtschaftliche, Sozial-, Gesundheits- und andere Systeme, die uns zuletzt kontrollieren und unser Leben bestimmen.

Die Welt wird zur Bühne eines Marionettentheaters, wobei wir selbst die Marionetten sind. Vielleicht sehr schöne und elegante Marionetten, die sehr lebendig aussehen, aber im Grunde eben tot sind. Wir leben nicht aus uns selbst, sondern sind fremdgesteuert.

Die Fäden werden dabei hinter der Kulisse gezogen. Und wie es sich gehört, wissen die Marionettenspieler sich sehr gut zu verbergen – sie sind nicht wirklich greifbar. Jesus spricht im Evangelium ganz allgemein von der "Finsternis", welche die Macht hat.

Seht den Menschen – erkennt aber auch Gott, der da am Kreuz hängt! In Jesus hat Gott selbst die verkehrte und unheilvolle Welt eingeholt und so alle Trennung der Welt von Gott überwunden. Es gibt kein Unheil, kein Leiden, keine Krankheit, kein Verbrechen und kein Unrecht, wo Gott nicht zugegen wäre – und zwar in verzeihender Liebe!

Das gilt auch für die verschiedenen Systeme, die politischen, wirtschaftlichen und anderen: Wenn sie das Zeichen des Kreuzes respektieren und sich nicht selbst absolut setzen, können sie uns Menschen zum wirklichen Heil dienen.

Dazu können wir alle beitragen, da wir alle ja inmitten solcher Systeme leben: Wenn jede und jeder einzelne von uns das Heilszeichen des Kreuzes über sein Leben aufstellt, sich von ihm prägen und verwandeln lässt, dann wird auch die Welt um uns herum verwandelt. Das hat Frère Roger Schutz, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, einmal schön auf den Punkt gebracht, als er Jugendlichen erklären wollte, dass der Kampf für Gerechtigkeit in der Welt – und auch in der Familie, in Gemeinschaften, im Alltag – dass dieser Kampf seine Quellen in einem anderen Kampf hat; ein Kampf, der – so Frère Roger – "letztlich in unserem Inneren geschieht, dort, wo kein Mensch dem anderen gleicht. [...] In jedem von uns verbergen sich Abgründe, Unbekanntes, Zweifel, wilde Leidenschaft, geheimes Leid ... aber auch Schuldgefühle, niemals Eingestandenes, so sehr, dass sich uns ungeheure Leeren auftun."

Und dann fügte er hinzu:
"Wenn wir Christus mit kindlichem Vertrauen in uns beten lassen, werden eines Tages die Abgründe bewohnbar sein."

Liebe Schwestern und Brüder,
Wenn wir von uns weg auf den Gekreuzigten schauen, werden die Fäden, die uns an dunkle Marionettenspieler binden und uns selbst zu Marionetten machen, durchtrennt. Das kann weh tun: Denn wenn man bei einer Marionette, die auf der Bühne steht, diese Fäden durchtrennt, dann fällt sie in sich zusammen!

Aber wir können nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes!
Wir können nicht tiefer fallen als in die Hände dieser verzeihenden Liebe! – Irgendwann, mit der Zeit, werden wir feststellen, dass wir in diesem Fall zu eigentlichem Leben erwacht sind – zum Leben freier Menschen.

Preise, Zunge, und verkünde
den erhabnen Waffengang;
auf das Kreuz, das Siegeszeichen,
singe den Triumphgesang.
Singe, wie der Welt Erlöser
starb und dennoch Sieg errang.

Amen.


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