Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis

9. Februar 2014, Klosterkirche Einsiedeln, erste Predigt von Pater Philipp Steiner

"Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt."

Liebe Brüder und Schwestern, diese Worte ruft Jesus seinen Jüngern zu – damals vor bald 2000 Jahren am See Genezareth und heute, in diesem Gottesdienst, auch uns.

Wie gut das doch klingt: Jesus vergleicht seine Jünger und Jüngerinnen mit würzigem Salz und mit wärmendem und erhellendem Licht.

Ist das wirklich so? Als ich begonnen habe, mich mit dem heutigen Evangelium zu beschäftigen, ist mir ein Zitat des französischen Schriftstellers Paul Claudel begegnet. Er schreibt: "Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt!"

Als ich diese Worte Claudels zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich gefragt: Wann wurde ich aufgrund meines Lebens nach Christus gefragt? Ich muss gestehen: Ich erinnere mich an keine solche Situation. Vielleicht ist daran mein schlechtes Gedächtnis schuld, vielleicht aber offenbart sich hier eine tragische Seite meines (und vielleicht unser aller) Christ-Seins.

Es stellt sich nämlich die Frage, ob die Menschen unserer Zeit an unserem alltäglichen Leben, an unseren Worten und Taten erkennen können, dass wir Christen sind?

Nun könnte man vielleicht einwenden, dass der Glaube an Gott etwas Persönliches, ja gar Intimes sei, das gar nicht öffentlich sein soll. Das mag durchaus stimmen, doch ist dies nur eine Seite unseres Glaubens. Denn der Glaube zielt immer auch auf eine grössere Gemeinschaft, nämlich die Kirche. Und der Glaube hat Zeugnischarakter für die Welt, für jene, die Jesus noch nicht kennen.

Das heutige Evangelium erinnert uns daran: "Euer Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."

Es geht hier also nicht primär um uns, sondern um die Ehre Gottes. Es scheint, dass uns Jesus mit diesen Worten viel zumutet. Denn letztlich mutet er uns ja sich selbst zu! Als Christen sind wir berufen, in seinen Spuren zu wandeln, ihn zum Mass unseres Denkens, Redens und Handelns zu nehmen.

Doch es wäre eine gefährliche Sache, zu meinen, wir selbst müssten diesen Zeugnischarakter unseres christlichen Lebens "produzieren". Nein, das wäre eine sinnlose "Werkgerechtigkeit", die ganz gewiss nicht im Sinne Jesu ist.

Es gilt vielmehr, sich darauf zu besinnen, wer denn das wahre Licht der Welt sei. Dazu müssen wir den Bogen etwas weiterspannen, denn hier hilft uns Matthäus nicht weiter. Wir müssen uns an das Vierte Evangelium wagen.

Im Johannesevangelium (8, 12) hören wir Jesus sagen: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, hat das Licht des Lebens."

Diese Selbstaussage Jesu aus dem Johannesevangelium hilft uns, den hohen Anspruch des heutigen Evangeliums richtig zu verstehen. Noch bevor wir Licht für die Welt sein können, ist Jesus Christus selbst schon das wahre Licht der Welt. Als Jünger und Jüngerinnen Jesu sind wir dazu berufen, sein Licht in die Welt zu strahlen.

Und wie geht das? Eine Antwort kann uns der Kontext geben, in welchem die Worte des heutigen Evangeliums stehen. Im Matthäusevangelium bezeichnet Jesus seine Jünger als Salz der Erde und als Licht der Welt direkt im Anschluss an die Seligpreisungen. Wäre das Fest Darstellung des Herrn /Maria Lichtmess nicht auf den vergangenen Sonntag gefallen, hätten wir die Seligpreisungen vor einer Woche gehört.

In Jesu Augen sind also jene Menschen das Licht der Welt, die arm sind vor Gott, die trauern, die keine Gewalt anwenden, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die barmherzig sind, die ein reines Herz haben, die Frieden stiften, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt und um seinetwillen beschimpft und verleugnet werden.
Diese Menschen der Seligpreisungen sind es also, welche in Jesu Spuren wandeln und sein Antlitz in dieser Welt sichtbar machen. Auch wir sollen immer mehr zu "Menschen der Seligpreisungen" werden und so Christus in unserem Leben Gestalt annehmen lassen.

Als "Menschen der Seligpreisungen" müssen wir kein Sonntagsgesicht aufsetzen. Wir brauchen auch nicht dauernd in Hochstimmung zu sein. Wir müssen unsere Augen nicht verschliessen vor unseren eigenen Unzulänglichkeiten, vor Sünde und Schuld im eigenen Leben und im Leben der anderen.

Als "Menschen der Seligpreisungen" schauen wir der oft unschönen Realität ins Auge, aber wir tun es mit einem Blick der Liebe, weil wir uns von Gott geliebt wissen. Und diese Liebe drängt uns, zu Zeugen und Zeuginnen Jesu für diese Welt zu werden.

Wohl die meisten von uns sprechen eher ungern öffentlich über den Glauben. Dies ist auch nicht unbedingt nötig, um für Jesus Zeugnis abzulegen. Denn die Seligpreisungen helfen uns zu verstehen, dass sich der Glaube am Tun misst und sich im Annehmen des Willens Gottes im Leben des einzelnen bewähren soll.

Mit einem solchen Lebenszeugnis machen wir die Welt um uns herum etwas heller, weil so Jesu Licht durch uns scheinen kann. Und so wird Paul Claudel‘s Wort zum Auftrag und zur Verheissung: "Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt!"

Amen.
 


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