Predigt an Neujahr 2014

1. Januar 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Der Druck kam von der Strasse her: Nicht nur die Handwerker stritten sich, auch beim Coiffeur wurde verhandelt. Und plötzlich schwoll eine Demonstration in den Strassen der Stadt an. Es wurden Worte skandiert, die kaum verständlich waren, aber die Absicht der demonstrierenden Menschen war deutlich: Der Druck auf die Verantwortlichen sollte gewaltig werden! Nein, ich spreche nicht vom Arabischen Frühling, auch nicht von einer Anti-Atomkraftwerk-Demonstration, ich spreche nicht von einem Friedens- oder Pro-Life-Marsch. Ich spreche vom Jahr 431 n. Chr. Wir befinden uns in der griechischen Stadt Ephesus (heute: Türkei). Dort hat Kaiser Theodosius II. die Führer der Kirche zu einem Konzil zusammengerufen, die Zeit der Christenverfolgung war vorbei. Debattiert wurde über Jesus Christus: Wer ist er – wirklich ganz Mensch und Gott? Die Leute von Ephesus interessierte aber eine andere Frage mehr: Wer genau ist Maria? Dann machte sich plötzlich Erleichterung breit, die Kirchenführer wollen den Glauben der Kirche folgendermassen aufzeigen: Die Menschen dürfen Maria "Gottesgebärerin" nennen: Jesus Christus ist nicht nur ganz Mensch, sondern auch wahrer Gott, Maria hat darum wirklich Gott geboren! Und die Leute gingen wieder auf die Strasse und riefen laut: "Gelobt sei die Theotokos!" (Gelobt sei die Gottesgebärerin!) Die Bischöfe wurden zum Dank bekränzt und nach Hause geleitet.

Liebe Schwester und Brüder, tatsächlich kämpften damals die Menschen für Maria und so bekam sie ihren ersten Titel: Gottesgebärerin, was sie zur Gottesmutter machte. Ephesus war lange das Heiligtum der Grossen Göttin Artemis und es war noch nicht lange her, riefen die Leute auf der Strasse: "Gross ist die Artemis der Epheser!" Es war Maria, die also dazu verhalf, dass das junge Christentum in dieser Gegend Fuss fassen konnte. Die Menschen auf der Strasse wollten diese grosse Frau, die uns heute, am ersten Tag des Jahres, auch von der Kirche als Vorbild vor Augen gestellt wird. Haben die Leute damals aber wirklich verstanden, wofür Maria lebte? Verstehen wir es heute? Was können wir von der Gottesgebärerin mit ins neue Jahr nehmen?

Von der Antike ins Mittelalter: Mit dem Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, der im 12. Jahrhundert lebte, begann im Mittalter eine Spiritualität, die wir heute Mystik nennen. Bernhard wollte nicht definieren, wer Jesus Christus für uns Menschen ist, sondern erfahrbar machen, was Christus uns Menschen bringt. Das tönt in der Sprache Bernhards so: "Christus ist Honig für unseren Mund, Gesang für die Ohren und Freude für unser Herzen." Und wer brachte uns Gott in Christus so nahe, dass dieser in unserem Mund, in unserem Oh, ja in unserem Herzen leben und sein kann? Seine Mutter Maria. Der hl. Bernhard ruft uns deswegen auf, wie Maria zu leben und Christus zu anderen zu bringen. Bernhard braucht für Maria das Bild des Aquaedukts, der Wasserleitung: So wie uns das Wasser umsonst zufliesst, uns erfrischt, erfreut und reinigt, soll das Wasser durch uns zu anderen Menschen gelangen. Was Maria empfangen hat, war nicht ihr Besitz, sondern für die ganze Welt bestimmt.

Liebe Mitchristen, soweit Antike und Mittelalter. Es wäre schön, wenn wir heute im neuen Jahr diese marianische Aufgabe jeden Tag ein bisschen mehr wahrnehmen könnten: das göttlich Wasser empfangen und durch uns anderen Menschen weiterleiten! Dabei dürfen wir immer auch lernen. Wenn es im heutigen Evangelium heisst: "Alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten", dann war unter diesen "allen" auch Maria. Sie hatte noch nicht alles begriffen, "sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach." Trotzdem teilte sie ihren Sohn schon in diesen ersten Tagen nach dessen Geburt mit anderen Menschen. Und die gute Botschaft, das gute Wasser, das uns auch heute Morgen durch Maria zufliesst: was genau ist dieses Wasser? In der heutigen Lesung aus dem Galaterbrief lesen wir: Gott sandete seinen Sohn, geboren von Maria, damit wir die Gotteskindschaft erlangen. Seit Jesus auf die Welt kam, ist Gott nicht mehr bloss eine Idee, eine unheimliche Macht. Er sprach immer von seinem "Vater" und so tun wir es auch heute noch, etwa im "Vaterunser". Wir bezeugen damit, dass wir Töchter und Söhne Gottes sind: Das ist unsere Berufung, das ist unsere Würde, das ist unsere Freiheit, auch wenn wir selbst noch Lernende sind mit all unseren Ecken und Kanten. Unsere marianische Aufgabe besteht darum darin, unseren Mitmenschen das Gefühlt zu schenken, dass sie frei sind, keine Sklaven von "du musst, du sollst, du bist schlecht". Wir haben alle Anteil am göttlichen Wasser, am Sohn Marias, den sie jeder und jedem entgegenstreckt, der diese Kirche betritt: weit herum sichtbar hier oben im Weihnachtsbild, oder hinten in der Gnadenkapelle. So dürfen wir heute am ersten Tag des Jahres 2014 in dieser Feier unsere Würde als Gotteskinder neu entdecken und es wie Maria tun: Diese Freiheit muss geteilt werden, es ist eine frohe Botschaft! Zeigt im Alltag Menschlichkeit, lehrt andere und uns selbst die wahre Freiheit! Gelobt sei die Theotokos, die Gottesgebärerin Maria, die uns auch heute an unsere Berufung erinnert und uns in ihr bestärkt! Amen.


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