Ansprache zum Jahreswechsel von Abt Urban

Ein Leben im Augenblick

Liebe Mitfeiernde

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein gesegnetes Jahr 2014!

Eigentlich wissen wir: Es geht am 1. Januar nicht viel anders weiter als am 31. Dezember, wir werden nicht von einem Tag auf den andern einfach besser, auch die Welt wird es nicht. Dennoch ist es gut innezuhalten und einen Übergang zu feiern, wie wir es nun getan haben. Vielleicht geht es Ihnen ja wie mir mit dem alten Jahr: So viel Erfreuliches war darin, so viel Trauriges und Belastendes auch, so viel Überraschendes. Ich frage mich manchmal, wie das alles in einem Jahr Platz hat, wie ein Mensch das alles aushalten kann. Nun gilt es, zurückzulassen, loszulassen, stehenzulassen. Dafür ist es gut eine Zäsur zu machen, neu beginnen zu wollen. Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart sagt dazu: «Und plötzlich weisst du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.» Der Zauber des Anfangs ist für uns im Glauben, was wir vor einer Woche gefeiert haben: Weihnachten – Gott kommt dem Menschen ganz nahe, ja er wird einer von uns. Seien wir dankbar!

Meine Lieben, der Mensch, der auf dem Vergangenen aufbauen kann, auch wenn es schwer war, und dabei doch dankbar bleibt, ist offen für den Augenblick. Weihnachten verändert nicht so sehr die Zukunft als viel mehr unsere Gegenwart. Wenn Gott bei uns ist: Was genau fürchten wir denn eigentlich? Nochmals lasse ich Meister Eckhart sprechen. Für ihn zählen auch bei einem Jahresübergang nicht so sehr unsere unrealistischen Träume, die dann Enttäuschungen bringen können. Dankbar für die Gegenwart Gottes in unserem Leben meint er vielmehr: «Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe.»

Ich wünsche uns für das neue Jahr, dass wir den Augenblick mit Gott zusammen erfassen können. Ich wünsche uns, dass wir nicht vom übernächsten Menschen träumen, sondern von dem und der, die jetzt neben uns ist. Und ich wünsche uns, dass wir aus der Dankbarkeit leben und für die Liebe offen sind. Denn die Liebe hat uns Gott in seinem Sohn an Weihnachten gebracht. Im Zeichen der Liebe Gottes für uns Menschen, im Zeichen des Kreuzes, wollen wir darum dieses neue Jahr beginnen, wenn wir miteinander sprechen und dabei ein Zeichen des Kreuzes machen: im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen.


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