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Predigt an Allerheiligen

1. November 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Justinus Pagnamenta

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Haben Sie eine Ahnung, wie viele Frauen und Männer von der Kirche bis heute heiliggesprochen wurden? Eine genaue Zahl anzugeben, ist ein Ding der Unmöglichkeit, zumal es in der Vergangenheit kein einheitliches und gut geregeltes Heiligsprechungsverfahren gab, wie wir es heute kennen. Man kann vielleicht um die 15'000 Seligen und Heiligen schätzen, die von der Kirche einigermassen offiziell als solche anerkannt sind. Es handelt sich jedenfalls um eine viel niedrigere Zahl als die 144'000 Besiegelten und die grosse Schar, von denen im Buch der Offenbarung die Rede ist.

Das heutige Hochfest erinnert uns daran, dass die Heiligkeit kein Sonderrecht für wenige Superhelden des Glaubens ist. Wir gedenken heute vieler heiligen Frauen und Männer. Einige von Ihnen haben vielleicht mitten unter uns gelebt. Sie haben ein ‘normales’, unauffälliges Leben geführt, ohne aussergewöhnliche und weltbewegende Taten vollzogen zu haben. Was das heutige Fest uns lehren will, kann man in einem Satz zusammenfassen: Alle Menschen – du und ich – haben die nötigen Voraussetzungen, um in das Himmelreich zu gelangen.

Keine tadellosen Heiligen

Das Buch der Offenbarung legt uns eine imposante himmlische Liturgie vor. Angesichts der Vielfalt an Bildern ist uns vielleicht ein kleines Detail entgangen, das aber für den Heilsplan Gottes eine wesentliche Rolle spielt. «Wer sind diese, die weisse Gewänder tragen?» – fragt einer der Ältesten. Und die Antwort lautet: «Es sind die, die aus der grossen Bedrängnis kommen – und jetzt kommt der entscheidende Satz – sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiss gemacht».

Die Heiligen sind nicht Menschen, die ein tadelloses Leben geführt haben. Sie hatten auch ihre Schwächen und schlechten Neigungen und begingen Fehler. Beispiele dazu gibt es zur Genüge. Der grosse Heilige und Kirchenlehrer Augustinus z.B. hatte einen Sohn aus einer ausserehelichen Beziehung. Selbst die Apostel hatten ihre Makel. Der eifrige Johannes, vom Zorn ergriffen, wollte einmal die Bevölkerung der Samariter vernichten (vgl. Lk 9,51-56). Der Apostelfürst Petrus hatte Jesus verleugnet und Jahre später musste er von Paulus zurechtgewiesen werden, weil er sich gegenüber den Judenchristen heuchlerisch verhielt (vgl. Gal 2,11-14).

Trotz solcher Schwächen und Verfehlungen wurden sie heilig, denn Christus hat sie durch seinen Opfertod am Kreuz reingemacht; «Sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiss gemacht».

Menschen mit einem Herzen, das lieben kann

Hätte aber Gott den Menschen nicht einfach so unfehlbar schaffen können? Wie viel Leiden und wie viele Probleme hätten wir uns sparen können! Die vielen Probleme, die die heutige Welt plagen, sind sie nicht mehrheitlich durch Fehler und Bosheit der Menschen verursacht? Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Umweltverschmutzung und vieles mehr!

Bestimmt hätte Gott den Menschen unfehlbar schaffen können! Er hätte ihn als einen perfekt programmierten Roboter erstellen können; ein Roboter, der keine einzige Bewegung verfehlt, der immer die richtige Entscheidung trifft. Aber den perfekt programmierten Maschinen zieht Gott Menschen mit Fleisch und Knochen vor … Menschen, die Fehler – manchmal auch schlimme Fehler – begehen, die aber ein Herz haben … ein Herz, das lieben kann.

Daher sollen wir uns von unseren eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht entmutigen lassen. Wer sich von der eigenen Unvollkommenheit nicht belästigen lässt, der gewinnt viel an Gelassenheit: Er muss sich nicht ständig hinter der Maske der Heuchelei oder des Puritanismus verstecken; er ist nicht dem Druck unterzogen, besser zu erscheinen, als er ist. Es geht hier keineswegs darum, die Sünde zu rechtfertigen; es geht vielmehr darum, realistisch und bodenständig zu sein. Vor allem geht es darum Vertrauen in Jesus zu haben, denn Er rechtfertigt zwar die Sünde nicht, aber Er rechtfertigt und heiligt den Sünder.

Grosses Missverständnis vermeiden

Gott hat den Menschen geschaffen und ihm ein Herz gegeben, das lieben kann. Wir müssen ein sehr verbreitetes Missverständnis unbedingt vermeiden:
Man wird nicht heilig, weil man den Märtyrertod erleidet; man wird nicht heilig, weil man keusch lebt; man wird nicht heilig, weil man dem Ehepartner treu bleibt; man wird nicht heilig, weil man Almosen gibt … Es gilt vielmehr folgendes. Erstens: Wenn wir heilig werden, dann weil Jesus uns heiligt. Und zweitens: Wenn wir mit Freimut unseren Glauben bekennen, dann weil wir lieben; wenn wir in Keuschheit leben, dann weil wir lieben; wenn wir dem Ehepartner treu bleiben, dann weil wir lieben; wenn wir grosszügig Almosen geben, dann weil wir lieben …

Nur wenn wir lieben, können wir in vollkommener Einheit mit Gott auf ewig leben, denn er ist eben die Liebe (vgl. 1 Joh 4,16). Wenn unsere Liebe echt und tiefgreifend ist, dann wird das Geliebte (Gott) unser Herz füllen und unserem ganzen Leben Orientierung geben. Das Einzige, was wir wirklich tun müssen, ist unser Herz zu weiten und es mit der göttlichen Liebe füllen zu lassen.

Schlussfolgerung

Liebe Brüder und Schwestern!

Wenn wir Schwächen haben, wenn wir schlechte Neigungen haben, wenn wir schlimme Fehler begangen haben oder wenn wir den Eindruck haben, in einer verfahrenen Situation zu leben, lassen wir uns nicht zu sehr betrüben! Legen wir zwei Finger hier ans Handgelenk oder an den Hals. Wenn wir den Puls vernehmen können, dann wissen wir, dass wir ein Herz haben … ein Herz, das lieben kann. Dann können wir sicher sein, dass wir alle Voraussetzungen haben, um eines Tages im Himmel zu der grossen Schar der Heiligen gezählt zu werden. Amen.