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Richtiges Vorzeichen setzen

Gedanken von Abt Urban Federer, Kloster Einsiedeln, angeregt durch Rapper Gimma

Beim Durchstöbern der Mails und Briefe, die sich während meiner Ferien angehäuft haben, fielen mir sofort besorgte Zuschriften auf. Warum die katholische Kirche Homosexuelle verurteile, fragt etwa eine Schreiberin. Gott sei Dank steht zu Homosexuellen im Katechismus der Katholischen Kirche der einfache Satz: «Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen.» Eine erste Antwort kann ich der besorgten Frau also geben: Zu einer Verurteilung Homosexueller darf es in der Kirche gar nicht kommen.

Ich beginne im Internet zu lesen, was sich in den letzten Tagen in der Schweiz zu diesem Thema zugetragen hat. Hat das, was ich hier sehe, etwas mit dem zu tun, worüber ich gerne spreche, warum ich auch heute überzeugt bin, dass das Christentum unserer Gesellschaft viel zu sagen und zu geben hat? Ist in dieser ganzen Diskussion nicht ein Vorzeichen falsch gesetzt worden? Ich bin als Vertreter der Kirche nicht gegen, sondern für etwas! Ich möchte nicht gegen, sondern für Menschen da sein, weil auch Gott für den Menschen alles gegeben hat, sogar sein Leben; dafür steht das Kreuz. Darum möchte ich auch Bibelstellen, die im Netz nun heftig diskutiert werden, mit einem Plus ergänzen: Zwar wenden sie sich gegen den sexuellen Verkehr unter Menschen gleichen Geschlechts (und nicht etwa gegen Homosexualität, die in dieser alten Zeit noch gar nicht bekannt war; darum können solche Bibelstellen kaum für die Beurteilung heutiger Fragen herangezogen werden!). Trotz der heute kaum mehr verständlichen Sprache kann ich diesen Bibelstellen immerhin das Anliegen abgewinnen, sich vor allem für die Familie und für die in ihr gelebte Sexualität stark zu machen. Tatsächlich sind für die katholische Kirche Ehe und Familie auch heute noch Grundzellen der menschlichen Gemeinschaft und zählen zu den kostbarsten Gütern der Menschheit. Die Kirche versieht darum die Sexualität, die in einer Partnerschaft in Treue und Verantwortung gelebt wird und auf Kinder hin offen ist, mit einem Plus – und tut sich vor allem wegen dieser Offenheit auf Lebensweitergabe hin schwer mit der Bewertung von Homosexualität. Welches ist der richtige Weg, ohne ein falsches Vorzeichen zu setzen? Die Frage nach der Homosexualität wird die Kirche noch länger beschäftigen, in der Familiensynode vom kommenden Herbst in Rom und darüber hinaus. Dies zeigt auch der eingeschlagene Weg der Kirche in unserem Land: Die Schweizer Bischöfe haben sich 2002 erstmals positiv dazu geäussert, dass für homosexuelle Lebensgemeinschaften rechtliche Bestimmungen getroffen werden, um Schwule und Lesben vor Diskriminierung zu bewahren. Hier wurde also ein Plus gesetzt.

Betroffen lese ich den offenen Brief von Rapper Gimma. Darf die Kirche eigentlich so laut ein Minus vor die Homosexualität setzen? Müsste sie dann nicht konsequenterweise rigoros mit Bibelzitaten, von denen ich im Internet lese, gegen Menschen in den eigenen Reihen vorgehen? Gimmas Reaktion ist eine provokative Anfrage an die Kirche: Sollte sie sich nicht für Menschen einsetzen, etwa für die Würde von Lesben und Schwulen, statt gegen bestimmte Menschen vorzugehen? Die offenen Worte von Gimma stimmen mich nachdenklich und rufen mich auf zu mehr Bescheidenheit. Gimmas Brief stellt ernst zu nehmende Anfragen an die Vorzeichen der Kirche!

Und dann finde ich einen Brief von Bischof Markus Büchel von St. Gallen, der auch Präsident der Schweizer Bischofskonferenz ist. Er hat von offizieller Seite das Vorzeichen positiv gesetzt: Jede Person habe vor Gott die gleiche Würde, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Er schreibt vom Respekt vor dem Gewissen jeder und jedes einzelnen und von einer neuen Sprache im Umgang mit Homosexualität, die den Menschen gerecht wird. Hier darf ich der eingangs zitierten Frau also eine zweite Antwort geben: Die Kirche darf sich an Homosexuellen freuen als Gottes geliebte Kinder! Hat nicht auch Papst Franziskus vor den Weg, den die Kirche mit Homosexuellen geht, bereits das richtige Vorzeichen gesetzt? In seiner ersten Pressekonferenz als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche warb er dafür, Schwule und Lesben nicht zu diskriminieren. Wörtlich fragte der Papst: «Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?»