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Predigt am Vorabend der Grossen Engelweihe 2014

13. September 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Die Schweiz ist ein Land der Apéros: Wenn wir eine neue Arbeitsstelle antreten, dann feiern wir das mit einem «Begrüssungsapéro». Wenn junge Menschen volljährig werden, dann feiern wir Jungbürgerfeiern mit einem Apéro. Wenn Chor und Orchester morgen im Hochamt Haydns Paukenmesse zum Klingen bringen, wird das Vergnügen danach mit einem Apéro gefeiert. Wenn der Chef krank ist... – na ja, dann können Sie einen Apéro riche servieren.
In der Schweiz meinen wir mit dem Wort «Apéro» heute eine Art Stehlunch. Aber eigentlich hat der Aperitif nur eine anregende Wirkung: Er möchte den Magen für mehr öffnen, denn das lateinische Wort «aperitivus» oder «apertivus» kommt von «aperīre» – «öffnen». Das eigentliche Essen folgt danach. Das heutige Engelweiheamt, das wir jetzt feiern, ist darum ein Apéro: es öffnet unsere Sinne und unsere Herzen für das grosse Fest der Engelweihe, das morgen seinen Höhepunkt erreichen wird. Warum? Bischof Konrad von Konstanz betete in der Nacht vor dem 14. September 948 n. Chr. vor der Kapelle des hl. Meinrad, die wir heute Gnadenkapelle nennen. Da sah er in einer Vision, dass Christus vom Himmel herabsteigt, umgeben von einem Heer von Engeln – darum sprechen wir von der «Engelweihe» –, und diese Kapelle zur Ehre seiner Mutter Maria weiht. Erst am nächsten Tag, eben am 14. September, merkte der Bischof, dass seine Vision auch von anderen Menschen geteilt wird. Am 14. September wurde allen Anwesenden klar: Diese Kapelle ist ein besonderer Ort, hier wird uns wirklich die Begegnung mit Gott geschenkt! Heute Abend feiern wir also gleichsam als Aperitif eine eher intime Feier: das Gebet des Bischofs Konrad, in dem er sich für die Gegenwart Gottes öffnete. Morgen tun wir dann vor der ganzen Welt kund – am Abend sogar in einer Prozession durch das Dorf: Einsiedeln ist wirklich ein begnadeter Ort, ein Ort der Gottesbegegnung.

Liebe Mitchristen, ein Apéro ist ein Ort der Begegnungen. Ein Apéro lebt dabei vom «Small Talk», aber leider sind unsere Gespräche deswegen nicht einfach kurz, sondern durchaus langatmig, aber ohne gewollten Tiefgang. Das muss beim Gebet von Bischof Konrad anders gewesen sein, denn im Unterschied zu einem Small Talk bei einem Apéro, wo immer alle gut drauf sind, meist von ihren Erfolgen erzählen, und die Antwort «schlecht» nicht erwartet wird, wenn wir fragen: wie geht es ihnen? – im Unterschied dazu sieht Bischof Konrad in seiner Vision nicht das Pepsodent-Lächeln des Gutmenschen Jesus, sondern den gekreuzigten Jesus Christus. Ist ausgerechnet Gott der Spielverderber der Engelweihe? Wo doch schon alle Kerzchen rund um die Kapelle so schön brennen? Denken wir daran: Wir feiern heute Abend das Gebet des Bischofs Konrad. Gebet hat immer etwas mit Offenheit und Ehrlichkeit zu tun. Und unser Leben kennt nun halt beides: Licht und Schatten, Höhen und Tiefen. Es sollte uns nicht verunsichern, wenn im Gebet das Leiden auch seinen Platz hat, sondern eher freuen: Gottesbegegnung ist nicht den Perfekten, immer Strahlenden und Glückspilzen vorbehalten. In die Gottesbegegnung gehören auch unsere Sorgen, Ängste und die Erfahrung von Leid und Schmerz. Könnten wir die Anliegen und Sorgen sichtbar auftürmen, die die Menschen über das ganze Jahr hinweg hier nach Einsiedeln bringen; diese Bergen hätten auch in dieser grossen Kirche keinen Platz. Und wenn wir heute in der Lesung aus dem Buch Tobit gehört haben, dass sich die Menschen über den Frieden freuen, den Gott uns schenkt, dann müssen wir auch die Gefühle wahrnehmen, die Tobit zuvor ausdrückt: Gott «züchtigt und hat auch wieder Erbarmen», sagt er, Gott «führt hinab in die Unterwelt und führt auch wieder zum Leben.» Tobit erlebt Höhen und Tiefen mit seinem Gott, Licht und Schatten. Wichtig ist ihm dabei, dass er in all dem Frieden findet, weil Gott bei ihm ist.
Und das heutige Evangelium hat ebenfalls nichts mit Small Talk-Stimmung zu tun: Aggressionen kommen auf: Jesus vertreibt aus dem Tempel, was die eigentlich Gottesbegegnung verunmöglicht. Wohin mit unseren Aggressionen? Ich versuche sie ebenfalls im Gebet vor Gott zu tragen: Dort sind sie besser aufgehoben, als sie bei den Mitmenschen auszulassen.

Meine Lieben, auf der Einladung zu einem Apéro steht zu Dresscode oft «Smart casual». Ich habe bis jetzt noch nicht ganz begriffen, was daran smart sein soll, wenn alle dasselbe tragen: Business-Outfit, ohne Krawatte die Herren oder bei Damen Hosenanzug. Da gefällt mir die bunte Runde in dieser Kirche besser. Hinter dieser Buntheit stehen auch unsere unterschiedlichen Stimmungslagen: die einen froh und festlich, die anderen durchaus auch angstvoll und mit Leid beschwert. Ich selbst und die beiden Diakone sind zugegebenermassen ein bisschen overdressed, um es Englisch zu sagen. Die Gewänder gehören zu den ältesten im Kloster und werden nur in diesem einen Gottesdienst getragen. Aber sie drücken eben das aus, was uns die heutigen Lesungen verkünden, ja was uns dieser Abend zuruft: Sie sind barock festlich, weil wir ein Fest feiern: Engelweihe! Und sie sind in Violett zurückgenommen, weil Bischof Konrad in seinem Gebet dem Gekreuzigten begegnet ist, also auch das Leid in diesem Fest gegenwärtig ist, im Violett der Fastenzeit. Nehmen wir doch diese Botschaft hinein in diese Feier, in der wir Gott in der Kommunion begegnen: Der betende Mensch darf offen und ehrlich Gott begegnen, in Freud und Leid, in Höhen und Tiefen. Und Gott möchte uns in dieser Begegnung sein Heil, seinen Frieden schenken, einen Frieden, den wir danach hinaustragen dürfen in diese Welt, die so sehr nach Frieden lechzt und darum Menschen wie Dich und mich braucht. Amen.