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Predigt an der Abtsbenediktion 2013

22. Dezember 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Bischof Markus Büchel

Sehr geehrter Herr Nuntius, sehr verehrte Bischöfe, Äbte, Mönche und Ordensschwestern
Liebe Brüder und Schwestern im Seelsorgedienst,
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben
Liebe Festgemeinde

Wissen Sie, was mich beim ersten Auftritt des neuen Papstes Franziskus auf der Loggia des Petersdoms am tiefsten beeindruckt hat?... Seine schlichte Art zu sprechen? – Seine Einfachheit? – Seine Spontaneität? – oder: Der Papst vom Ende der Welt, mit dem niemand gerechnet hat? – Sein Name "Franziskus", der auf Anhieb als Programm verstanden wurde? --- all dies sicher auch, aber noch viel mehr, als er vor der Spendung des ersten päpstlichen Segens sich vor der grossen Volksmenge tief verneigte mit der Bitte, das Volk Gottes möge, bevor er den Segen spende, zuerst über ihn den Segen erbitten – und dann die absolute Stille auf dem Petersplatz, während der gleichsam die ganze Welt den Atem anhielt… Ein unerhörtes Zeichen von Demut, eine einzigartige Botschaft, dass alles, was er tut und zu geben hat, Dienst und Geschenk Gottes an die Menschen ist.

Lieber Abt Urban –
Heute legst Du Dich vor uns allen auf den Boden und bittest um unser Gebet und unseren Segen für Dein neues Amt. Du bist Dir bewusst, dass Du deinen Dienst nur auf Gottes Verheissung hin erfüllen kannst - nicht nur aus eigener Kraft und aufgrund Deiner Gaben, wenn diese auch reich und vielfältig sind.
Die Abtsbenediktion möge Dich stärken für die Aufgabe, zu welcher Gott Dich berufen hat. Und wir tun dies auf SEIN Wort hin, wie es uns am vierten Adventsonntags in der Liturgie verkündet wird.
Es geht darin besonders um Personen und Namen, durch die sich das Wirken Gottes offenbart.

Der Prophet Jesaja berichtet vom König AHAS, einem Nachfolger in der Linie des Königs David. Ahas traut diesem Bund mit Gott nicht – für die Feiertage ist das ja tröstlich, gut uns schön – aber im rauhen Alltag ist ihm ein Bündnis mit der militärischen Supermacht und deren Göttern lieber. Doch auch ungefragt wird Jahwe die Verbundenheit mit seinem Volk unter Beweis stellen. Der Prophet kündigt die Geburt eines Kindes an, eines Hoffnungsträgers für das ganze Volk. Sein Name sagt, was Ahas nicht hören will: Gott ist mit uns.

Dieser Ahas wird über die geschichtliche Person hinaus zum Typus des Menschen und Herrschers, der auch sehr modern ist. Für viele ist Gott irrelevant geworden – er ist aus dem öffentlichen Leben und Handeln ausgeblendet - sie verlassen sich auf das Handgreifliche und allein aus eigener Kraft Denkbare und Machbare. Ein Gott, der mit uns ist und in die konkrete Geschichte hineinwirken soll, entmachtet den Menschen und ruft ihn in die Verantwortung gegenüber Gott für sein Wirken in der Welt. Damit tut sich der aufgeklärte und zur Freiheit berufene Mensch schwer. Und es ist nicht einfach, in diese Weltsicht hinein eine Kontrastkultur zu verkünden und zu leben. Klostergemeinschaften sind da die Prophetinnen unserer Zeit. Mönche und Schwestern bezeugen durch ihr eigenes Leben, dass Vertrauen auf Gottes Führung verbunden mit ganzem Einsatz des Geistes und aller Kräfte den Menschen erst richtig zur Entfaltung bringen. In dieser Verbindung wächst eine Grundhaltung, die von Achtung, Respekt, Liebe und Solidarität geprägt ist. Sie entfaltet Werte im Zusammenleben und in der Gesellschaft, die das Leben schützen – aber nicht nur das eigene, sondern auch das jedes Mitmenschen. Denn was bedeutet ein Weg ohne Ziel, eine Dunkelheit ohne Licht, eine unsere Kräfte übersteigende Herausforderung ohne Hoffnung, ein Leiden ohne Heilung, ein Versagen ohne Vergebung und eine Schuld ohne Barmherzigkeit?
Lieber Abt Urban – hörst Du heraus, welch grosse und wichtige Aufgabe das klösterliche Leben wegweisend für unsere Zeit hat? Spürst Du mit Deinen Mitbrüdern auch, welch grosse Bedeutung das Kloster Einsiedeln als Zeichen für unsere Zeit hat? Als Ort des gelebten Glaubens sollen suchende Menschen hier offene Ohren und offene Herzen finden. Sie sollen Weisung und Begleitung erfahren zu einer gesunden Lebensspiritualität, in der Weltverantwortung und Gottesdienst keine Gegensätze sind, sondern bezeugen, dass Gott mit uns ist.
In diesem Bemühen sollst Du als Abt der Gemeinschaft ein Vorbild sein – und das nicht nur durch Worte, sondern durch das Zeugnis Deines Lebens, wie es die Regel des Heiligen Benedikt verlangt. Dass diese Grundhaltung im Kloster Einsiedeln gefördert wird, ist ein grosses Geschenk für die Kirche in der Schweiz, die Du als Mitglied der Bischofskonferenz mitleiten und mitgestalten wirst. In diesem Bemühen haben wir deinem Mitbruder Abt Martin viel zu verdanken. Christliche Präsenz in der Welt und in der Gesellschaft gerade auch durch die neuen Medien und Kommunikationsmittel war ihm ein Herzensanliegen, wofür ich ihm auch an dieser Stelle einen grossen Dank ausspreche.

Liebe Mitchristen – befragen wir die heutige Verkündigung weiter nach Namen und Personen, durch die sich Gott uns offenbaren will.
Im Abschnitt aus dem Matthäusevangelium geht es um den Heiligen Josef. Er lebt gottverbunden und gerecht – und trotzdem kann er nicht begreifen, was mit seiner Verlobten, Maria, geschehen ist. Sie erwartet ein Kind, vor der Ehe, und nach gängigem Landesverständnis war das eine Schande. Dass sie ihn betrogen hat, kann er nicht denken, zu sehr liebt er sie – und so will er sich in aller Stille von ihr trennen, weil er sie nicht blossstellen wollte. Erst Gottes Offenbarung im Traum führt ihn, den Sohn Davids, in den Plan ein, wie Gott seine Verheissung erfüllt. Das Kind, das Maria gebären wird, ist Gottes Sohn, er ist der verheissene Spross Davids. Josef soll nach jüdischem Brauch dem Kind den Namen Jesus geben, "denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen". Jesus heisst: Gott rettet, Gott heilt. Er will alle gebrochenen und belasteten Beziehungen heilen. Durch ihn wird in jeder Situation ein Neuanfang möglich. Im Ereignis dieser Geburt löst Gott sein Wort ein, dass der Messias kommt. Ihn zu erkennen, ihn zu glauben und ihn sogar zu verkünden braucht die Hilfe des "Heiligen Geistes". Ja, gegen alles Erwarten und Begreifen führt Gott seinen Plan zu Ende, und er beruft Menschen, diesem Plan zu dienen. Maria und Josef willigen ein, der " Gott mit uns" wird Mensch und geht seinen irdischen Weg treu – bis hinein in den Tod. Erst der Ostermorgen und die Geistsendung an Pfingsten lassen die Tragweite des liebenden Handeln Gottes aufscheinen: Christus, der Auferstandene, bleibt gegenwärtig in seiner Kirche und durch die Kirche in der Welt. Dies wiederum wird in der klösterlichen Gemeinschaft abgebildet: Heisst es doch im 2. Kapitel der Regel des hl. Benedikt: (Zitat)
"Der Abt, der würdig ist, dem Kloster vorzustehen, muss immer bedenken, wie er genannt wird; als ‚Oberer‘ erwahre er diesen Namen durch Taten. Man glaubt nämlich, dass er im Kloster die Stelle Christi vertritt, wird er doch mit dessen eigenem Namen angeredet, wie der Apostel sagt: Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen ‚Abba, Vater‘."

Lieber Abt Urban, wenn wir heute über dich beten, dann ganz besonders auch mit der Bitte, dass Du diese tief geistliche Dimension Deines Dienstes erkennen kannst. Im Bewusstsein dieser Berufung und Gnade zum "Adjutor in Christo", zum "Mitarbeiter in Christus" – wie Du nach dem Pauluswort deinen Wahlspruch gewählt hast – nimmst Du den Auftrag zur Verkündigung an alle Menschen an, um - mit dem Apostelwort im Römerbrief zu sprechen - "um im Namen Christi alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen; zu ihnen gehört auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid". So umschreibt der Völkerapostel seinen Auftrag gegenüber der Gemeinde in Rom. So weitet sich die Sendung des Apostels in eine neue Kultur hinein, offen für alle Menschen und die ganze Welt.

Liebe Mitchristen – findet dieser Auftrag zur Verkündigung nicht einen bevorzugten Ort hier in dieser herrlichen Klosterkirche, wo so viele Wallfahrer sich hinwenden, um Gottes Liebe und Barmherzigkeit zu erfahren, die allen Menschen gilt. Ist es deshalb verwunderlich, dass die Vorfahren, die das künstlerische Bildprogramm dieser Kirche bestimmten, in der grossen Kuppel über dem Volk Gottes das Weihnachtsgeheimnis darstellen liessen. Es erinnert an die unverbrüchliche Wahrheit, dass Gott in Jesus Mensch wurde und auch heute in unserer Mitte Mensch werden will. Diese bleibende sakramentale Gegenwart Christi in seiner Kirche, dem Leib Christi, zu verkünden und auch zu leben, ist eine vornehmliche Aufgabe der Mönchsgemeinschaft, angeleitet durch ihren Vater Abt. Erleben wir es nicht immer wieder, dass gerade hier Menschen über alle Grenzen der Herkunft und des Standes, der Sprachen und Kulturen hinweg sich zur Gemeinschaft finden, die im Geist geeint Gott lobt und dankt – Menschen, die all die Last und Sorge ihres Lebens der Gottesmutter Maria mit ihrem Kind zu Füssen legen? So wird die Klosterkirche wahrhaftig zum "Stall von Bethlehem", wo alle Zutritt haben und Jesus, dem Retter und Erlöser begegnen. Diesen wichtigen Ort für unser ganzes Land in der einladenden Gastfreundschaft benediktinischer Tradition zu bewahren, ist eine wichtige Mission für unsere Zeit und unser Land – eine Aufgabe, die ganz besonders auch der Hirtensorge des Abtes anvertraut ist.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben –
Wir erleben eine Zeit in unserer Kirche, in der sich vieles wandelt und viel Neues aufbricht. Unsere Zeit braucht geistliche Orte und geistliche Menschen, die diesen Aufbruch wahrnehmen und hellhörig wie Josef und Maria sich auf den Weg Gottes mit uns Menschen einlassen. Wir staunen dankbar, wie Papst Franziskus diesen Prozess der Kirche mutig fördert. Möge das bevorstehende Weihnachtsfest uns alle neu zum Kern unseres Glaubens führen. Mögen wir neu erkennen, dass die Verheissung der Gottesnamen Emmanuel und Jesus auch uns heute gelten und dass wir mit dem Apostel Paulus allen Menschen, die von Gott geliebt sind, auch heute zurufen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Dass Dir, lieber Abt Urban, und Euch allen, liebe Patres und Brüder der Einsiedler Klostergemeinschaft , dieser Dienst immer neu gelinge, bitten wir Gott heute in dieser grossen Feier, aber auch alle Tage, wenn wir im Gebet und in der Arbeit miteinander verbunden sind.
Amen

+Markus Büchel